Das Verschweigen von aktuellen Studien spült mehr Gold in die Kassen der Pharmaindustrie als gründliche Informationen für Ärzte, die erwarten, dass auf Kongressen der neueste Stand der Wissenschaft dargeboten wird. Wie lange kann Big Pharma die Tagesordnung von Kongressen festlegen und Studien nach ihren einseitigen Interessen forcieren? Immer mehr Ärzte äußern ihr Befremden über den Inhalt und Verlauf großer Kongresse, wie der anerkannter Diabetesexperte und Kardiologe Prof. Stefan Martin vom Westdeutschen Diabeteszentrum in Düsseldorf.

Prof. Dr. Stefan Martin, schildert auf der Internetplattform Medscape in einem Kurzvideo direkt vom Kongress aus Lissabon sein Unbehagen (Europäischer Diabetes-Kongress in Lissabon, EADS Annual Meeting 2017,11.-15.September 2017).

Dr. med. Stefan Martin ist Chefarzt für Diabetologie und Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums (WDGZ)

Hier auszugsweise das Transkript eines Kurzvideos von Prof. Dr. Stefan Martin:

 

Originalzitate unter Anführungszeichen!

Bedenkliches…..

„Mir ist aufgefallen, dass hier nicht so viel zum Thema Ernährung und Lebensstil vorhanden ist. In einer kleinen Studie ging es um die Gewichtsabnahme. Da hat man eine transkranielle Magnetstimulation eingesetzt…. und die Probanden haben nach einem halben Jahr ungefähr 4,5 kg. Abgenommen“

Unter der Transkraniellen Magnetstimulation, kurz TMS, versteht man ein relativ neuartiges, nicht-invasives Verfahren, bei der auf das Gehirn mehr oder weniger starke Magnetfelder wirken. Dabei sollen bestimmte Hirnareale stimuliert und andere wiederum gehemmt werden. Dieses Verfahren wird versuchsweise nach Schlaganfällen oder bei multipler Sklerose mit unerforschten Nebenwirkungen eingesetzt.

Bedauerliches…..

„In einer anderen großen Session wurde gefragt, wie können wir die Funktion der Beta-Zellen bei Typ-2 Diabetes erhalten oder verbessern. Daten zeigen, dass sich die Funktion der Beta-Zellen nach einer bariatrischen Operation verbessert, genauso wie die Inkretine.“

Hoffnungsvolles…

„Parallel dazu trat R. Taylor auf, der einen ganz anderen Ansatz nimmt. Nicht, wie kann ich die Menschen mit verschiedenen Medikamenten behandeln, sondern er bringt sie einfach dazu, dass sie erst einmal abnehmen, dass sie dramatisch Gewicht abnehmen, manchmal reichen schon 5, 6 Kilo. Er konnte in Daten zeigen, dass die Restfunktion der Bauchspeicheldrüse nach Abnahme deutlich zunimmt. Er bringt dadurch viele Menschen in klinische Remission“.

Ein Schritt zurück…

„Wir haben bei diesem Kongress ganz viele Daten und Studien, aber sehr wenige zum Thema Lebensstil, Gewichtsabnahme. Im Rückblick auf den ESC in Barcelona fand die PURE – Ernährungsstudie in Lissabon keine Erwähnung. Es besteht die Sorge, dass die Ernährung, die Urquelle der Diabetologie, an die Kardiologie abgegeben wird“

In der PURE-Studie wurde gezeigt, dass sich Fettkonsum nicht negativ auf das Herz auswirkt, wohl aber die erhöhte Aufnahme von Kohlenhydraten, welche die Sterblichkeit statistisch signifikant erhöhten. Siehe Blogartikel über die PURE Studie.

Was setzt sich durch: Low-Fat, Low-Carb, High-Carb, High-Fat?

“Da muss man sich die Frage stellen, wo kommt die Debatte her? Die PURE-Studie hat denen Recht gegeben, die sagen, wir müssen umdenken, wir müssen weg vom gesamten Low-Fat Bereich. Es ist natürlich so, Industrielle Interessen haben im Supermarkt Vorrang. Dort werden sie viele Low-Fat Produkte finden. Unsere Kollegen sagen vielen Patienten, wenn sie abnehmen wollen, versuchen sie die Fette wegzulassen“.

Woher diese Verblendung?

„Ein Rückblick auf das Jahr 1977 zeigt den Beginn der Fettdebatte, die Etablierung der US-Dietary-Guidelines, mit denen die Fehlentwicklung begann….“

„Natürlich sind in den arteriellen Plaques Fette und natürlich haben Nahrungsfette einen erhöhten Kalorienbedarf. Da hat man einfach beschlossen, der Schuldige muss im Endeffekt das Fett sein. Damals gab es andere, die sagten, Leute, es sind möglicherweise mehr der Zucker, die Kohlenhydrate. Diese Meinungen wurden zur Seite gedrängt.

Jetzt gab es vor einigen Jahren eine sehr interessante Arbeit. Darin hat man nachgesehen, welche klinische Evidenz die Studien der amerikanischen Kommission zur Festlegung der Ernährungsrichtlinien hatten. Was sagten randomisierte Studien und nicht prospektive Beobachtungsstudien, die keine Kausalität feststellen konnten. Man hat einige solche Studien gefunden, die zeigten, dass die Mortalität unter der Aufnahme von erhöhten Mengen Fett nicht angestiegen ist. 1977 hat man eine Entscheidung gefällt, die damals nicht durch Evidenz von randomisierten Studien belegt war.

Ein zweiter Punkt kam hinzu, der ist im letzten Jahr publiziert worden. Etliche Protagonisten der Low-Fat Bewegung standen auf der Pay-Roll der Zuckerindustrie“.

Was können wir für die aktuelle Situation zeigen?

„Wir müssen die Kardiologie und die Diabetologie wieder vereinen. Denn auch eine weitere Studie, die PREDIMED-Studie, zeigte, dass Verbrauch von viel Fett, wie Olivenöl und Nüssen günstiger war als die Low-Fat Gruppe. Der erhöhte Fettkonsum hat sich auch günstig auf den Verlauf des Diabetes ausgewirkt“.

Was bedeutet das?

„Liebe Diabetologen, passt auf, dass euch nicht die Kardiologen die Ernährung vom Teller nehmen! Ich glaube, wir müssen viel mehr daran arbeiten, dass wir an die Ursache herangehen, an die Ursache von Diabetes und natürlich auch von kardiovaskulären Erkrankungen“.

Fakten:

Weltweit fallen ein Drittel aller Todesursachen auf Herzkreislaufkrankheiten, mit besonderer Häufigkeit in ärmeren Ländern. Zwei Drittel aller vorzeitigen Todesfälle sind auf schlechte Ernährung, Umweltfaktoren und Lebensstil zurückzuführen. Alles Zustände, die jeder für sich und eine Gesellschaft als Ganze ändern kann. Es ist kein Schicksal, sondern es sind vorwiegend nicht übertragbare Krankheiten, die als „Chronisch“ eingestuft  werden und unser Leben verkürzen.

Fazit:

Wie lange können wir uns die Volkskrankheit Übergewicht und den daraus folgenden Massenepidemien Diabetes, Herzkreislauferkrankungen, Krebs oder Alzheimer noch leisten? Der Bevölkerung muss klar gemacht werden, wer die Verantwortlichen und eigentlichen Nutznießer von vermeidbaren, heilbaren Krankheiten und Massenelend sind. Dazu brauchen wir dringend eine öffentliche Debatte. Am Beispiel von giftigen Schädlingsbekämpfungsmitteln wie Neo-Nikotinoide (Bienengift) oder dem Unkrautvernichter Glyphosat, kann man zeigen, welchen Einfluss der Druck der Bevölkerung hat.