Peter C. Gøtzsche ist ein dänischer Medizinforscher und war 1993 Gründungsmitglied der Cochrane Collaboration, die sich das Ziel setzte, systematische Übersichtsarbeiten zur Bewertung von medizinischen Therapien zu erstellen und zu veröffentlichen. Im September 2018 wurde Peter C. Gøtzsche aus allen Bereichen dieser Organisation ausgeschlossen. Wer seine Bücher liest, ahnt, welch mächtige Gegenspieler er hat.

Die Cochrane Collaboration ist ein weltweites unabhängiges Netzwerk von Forschern und Akteuren, die in medizinischen Berufen tätig sind. Gegenwärtig organisieren sich Cochrane-Mitarbeiter aus mehr als 130 Ländern, um verlässliche systematische Überprüfungen des Nutzens und des Schadens von Behandlungen im Gesundheitswesen durchzuführen. Ihre Mitarbeiter sind unabhängig und müssen frei von Zuwendungen von Pharmainteressen sein. Ihre Bewertungen fundieren auf international anerkannten Goldstandards und gelten daher als hochwertige und vertrauenswürdige Informationen. Viele Mitarbeiter gehören zu führenden Vertretern ihrer Fachbereiche und vertreten einige der angesehensten akademischen und medizinischen Einrichtungen der Welt.

Leider unterliegen staatliche Behörden dem Einfluss von Pharmakonzernen und privaten Interessensgruppen  bei der Beurteilung von medizinischen Studien. Bei der Zulassung von Leitlinien, Medikamenten und Therapien, sind sie auf gelieferte Fakten von Pharmafirmen angewiesen. Die staatlichen Kontrollgremien werden obendrein von Honoratioren beraten, die auch auf den Gehaltslisten von forschenden Pharmakonzernen stehen. Ein Interessenskonflikt von ungeheurem Ausmaß spielt sich in der Medizin ab. Um diesen Missstand zu durchleuchten und um den Behörden bessere Entscheidungsgrundlagen zu geben, wurde die Cochrane Collaboration 1993 in England gegründet.

Schade, dass die Expertise eines der hartnäckigsten Kritikers der Gesundheitsindustrie nicht mehr gewünscht ist. Mit dem Ausschluss von Peter C. Gøtzsche verließen vier weitere Mitglieder das Führungsgremium. Leider hat sich auch in dieser Organisation, wie in vielen anderen medizinischen Gesellschaften, der Zweck verselbständigt und sich weniger am Wohl der Patienten orientiert. Ein klärender Prozess ist im Gange. Dieser benötigt keinen Sieger, denn dann wäre auf jeden Fall der Patient der Verlierer.

Peter C. Gøtzsche galt unter den Cochrane Kollegen als besonders kompromisslos. Fanden seine Bewertungen keinen Beleg für den Nutzen einer Behandlung oder eines Medikaments, formulierte er die Kritik kompromissloser als andere und ließ sich nicht auf eine diplomatische Wortwahl ein, auch dann nicht, wenn seine Cochrane Mitarbeiter das Ergebnis weniger eindeutig einschätzten. Ihn zeichnen Charaktereigenschaften aus, die auf dem Multimilliarden-Markt der Gesundheitsindustrie nicht beliebt sind: Ehrlichkeit und Unbeugsamkeit.

Dies kommt auch in der Wortwahl der weltweit einflussreichsten wissenschaftlichen Kapazität auf dem Gebiet der Medizinstatistik, Prof. Dr. John Ioannidis, zum Ausdruck. Am 16. November 2018 schrieb John Ioannidis an den dänischen Gesundheitsminister:

„Ich bin Professor an der Stanford University und die derzeitige Zitierrate meiner Arbeit in der wissenschaftlichen Literatur (> 3.000 Mal pro Monat) ist die höchste unter allen Ärzten in der Welt und unter den 10 höchsten Wissenschaftlern der Welt. Ich habe bedingungslose Bewunderung für Peter Gøtzsche. Peter ist zweifellos ein Gigant, einer der größten Wissenschaftler unserer Zeit und eine der einflussreichsten, wirkungsvollsten und nützlichsten Stimmen in der Medizin. Ich schätze seine Beiträge enorm … Wenn man Peter aus dem Rigshopitalet verdrängt, wird der Ruf Dänemarks als freies Land geschädigt. Umgekehrt, wenn man ihn unterstützt, wird sich mit Nachdruck zeigen, dass die menschliche Würde nicht zur Gänze verloren ist. Ich vertraue darauf, dass Sie sich entscheiden werden, nicht auf der falschen Seite der Geschichte zu stehen, und Sie werden noch stolz darauf sein, dass Ihr Ministerium weiterhin einen der größten Ermittler unserer Zeit fördert.“

 Der Kampf geht weiter

Mehr als viele seiner Kritiker ist Peter C. Gøtzsche ein anerkannter Medizinforscher, der über 70 Artikel in den „Big Five“, den bedeutendsten Wissenschaftsjournalen (BMJ, Lancet, JAMA, NEJM und Annals), veröffentlicht hat. Er setzt seinen Kampf für die wissenschaftliche Freiheit fort und will mit Anwälten den Ausschluss rückgängig machen, und falls das nicht möglich sein sollte, Schadensersatz verlangen.

Am 9. März 2019 steht in Kopenhagen die Gründung  eines neuen Instituts unter Führung von Peter C. Gøtzsche für wissenschaftliche Freiheit bevor, das von internationalen Kollegen unterstützt wird. Mehr zu dieser Neugründung und dem Meeting finden Sie hier: http://www.deadlymedicines.dk/.

Durch Trennung der Gruppe von wichtigen Mitarbeitern hat ein Prozess der Klärung über den weiteren Weg der Cochrane Collaboration begonnen. Es geht ganz wesentlich um die Verteilung der öffentlichen Mittel, damit unabhängige Forschung möglich ist. Es wäre wünschenswert, dass die neue Gruppe um Gøtsche Subventionen erhält, damit ihre  Reviews Aufmerksamkeit finden und auf die wissenschaftlichen Diskussionen Einfluss ausüben kann.

 

Das neue Buch von Peter C. Gøtzsche „Gute Medizin – Schlechte Medizin“  bleibt dem kritischen Stil treu. Damit schuf er eine Grundlage für Patienten, damit sich diese ein eigenes Urteil über die vielen und oft widersprüchlichen Informationen zu Vorsorgeuntersuchungen, Diagnosen und Therapien bilden können. Unvoreingenommen, industrieunabhängig und streng naturwissenschaftlich orientiert, untersucht Gøtzsche hier den therapeutischen Wirkungsgrad von Medikamenten gegen Infektionen, Schmerzzustände, Herz-Kreislauf-Störungen, Krebserkrankungen und Verdauungsstörungen, sowie psychische Probleme und altersbedingte Abbauprozesse. Er zeigt, worauf man achten muss, wenn man sich selbst ein Urteil über publizierte Studien bilden will, wo man brauchbare Informationen findet und welche Tests nötig, überflüssig oder schädlich sind. Kein gutes Haar lässt er auch an Neuroleptika, Antidepressiva, Lithium, sogenannten Stimmungsstabilisatoren und Substanzen gegen „ADHS“. Und besonders kritisch steht er der Alternativmedizin (Reflexzonentherapie, Akupunktur, Kraniosakraltherapie, Homöopathie usw.) gegenüber, da diese sich in Wirksamkeitsstudien als komplett unwirksam erwiesen hätten. Das Buch ist hoch informativ, ausgesprochen gut zu verstehen und außerdem unterhaltsam, da die Aussagen mit vielen Anektoden und persönlichen Erfahrungen veranschaulicht sind. Es ersetzt keine eigene Entscheidung, ob und wie man sich behandeln lassen will, liefert aber vernunftbasierte Informationen, so dass man sie um einiges leichter und verantwortungsvoller treffen kann. (Buchrezension zit. nach Peter Lehmann, FAPI-Nachrichten)

Weitere Titel von Peter C. Gøtzsche:

Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität“ (2014) sowie „Tödliche Psychopharmaka und organisiertes Leugnen“ (2016)