Dr. Haroun Gajraj:

 „Nachdem ich mir die Forschung genauer angesehen hatte, kam ich zu dem Schluss, dass Statine mich nicht vor einem Herzinfarkt retten würden und dass mein Cholesterinspiegel so gut wie irrelevant ist.“

Immer heftiger wird die massenhafte Verschreibung von Statinen, den Blockbuster Medikamenten zum Senken des Cholerstins, von Experten hinterfragt. Am 16. Oktober d.J. wurde im Britisch Medical Journal (BMJ) die Situation in einer Metastudie neu bewertet. („Statins for primary prevention of cardiovascular disease“) Ein vorläufiger Höhepunkt, denn diesmal hat ein weltweit führendes Journal für Medizinforschung die Frage gestellt, welchen Nutzen eine Mehrheit der Menschen über 50 Jahren von diesen Tabletten hat.

Die Studie aus Irland, die alle Hürden der Aufahme in dieses für Ärzte wichtige Magazin gefunden hat, kommt zum Schluss:

„Unsere Analyse deutet darauf hin, dass kein Patient mit niedrigem oder mittelhohem Risiko in der Primärprävention von Statinen zu einem Maß profitiert, welches die tägliche Einnahme rechtfertigen würde“.
Dr. Paula Byrne und Kollegen
Patienten, die einen Versuch machen wollen, mit Lebensstil- und Ernährungänderung den Statinen zu entgehen, haben jetzt ein wissenschaftliches Gutachten zur Hand.
Ein Arzt, der die Statinhysterie nicht mehr mittragen will, kann sich auf wissenschaftliche Evidenz stützen. Ein Paradigma bricht zusammen. Es hat leider den Anschein, dass noch viele Menschen auf auf die Umsetzung dieser Erkenntnisse warten müssen.
Mutige Ärzte machen seit Jahren die Öffentlichkeit darauf aufmerksam, dass die leichtfertige Verschreibung von Statinen bedenkliche Folgen haben könnte, die bisher verschwiegen wurden und dass es bessere Methoden zum Schutz vor einer Herzkrankheit gibt. Einer davon ist Dr. Haroun Gajraj, der vor fünf Jahren in England an die Öffentlichkeit getreten ist, nachdem er sich mit Studien zum Cholesterin auseinandergesetzt hat. Lesen Sie hier seine Schlussfolgerungen.

Dr. Haroun Gajraj  ist Herzchirurg und leitet das mehrfach ausgezeichnete VeinCare Center in den englischen Städten Dorset und Hamshire. Dr. Gajraj hat sich seit 11 Jahren auf operative Behandlung von Krampfadern spezialisiert. Zuvor arbeitete er 13 Jahre lang im öffentlichen Gesundheitssystem (NHS).

Lange Zeit stellte er die medizinische Herangehensweise zum Thema Cholesterin nicht in Frage. Statine galten ihm als Wundermittel.

Bei einer routinemäßigen Gesundenuntersuchung erlebt er einen Schock:  der Cholesterinspiegel war so hoch, dass das Labor Gefahr in Verzug meldete: 362 mg/dl Gesamtcholesterin – fast doppelt so hoch wie der Grenzwert, der je nach Labor bei 190 bis 220 liegt.

Medikamente mussten her, die das Cholesterin  senken und Herzkrankheiten und Schlaganfällen vorbeugen konnten. Acht Jahre hindurch nahm er seine 20-mg-Atorvastatin-Pillen ein und blieb ohne Nebenwirkungen.

Dr. Gajraj fühlte sich als Arzt der Forschung verpflichtet und sah sich Studien zum Thema Cholesterin genauer an. Er kam zu dem Schluss, dass Statine nicht vor einem Herzinfarkt schützen und dass sein Cholesterinspiegel völlig bedeutungslos war.

Es war keine überhastete Entscheidung, auf Statine zu verzichten. Er hörte er mit der Einnahme von Statinen mit folgender Begründungauf:

„Studien, die von der Arzneimittelindustrie finanziert werden, zeigen, dass Nebenwirkungen der Statine selten sind, hingegen kommen unabhängige Studien zum Schluss, dass eine von fünf Personen unter Nebenwirkungen, wie Muskelschmerzen, Durchfall, Gedächtnisverlust bis hin zu Sehstörungen leidet. Neuerdings wurde auch ein Zusammenhang von Statinen mit Diabetes Typ-2 nachgewiesen“.

Wie haben sich seine Cholesterinwerte nach Absetzen der Statine entwickelt?

Die aktuellen Cholesterinwerte, ohne Statineinnahme, riefen wiederum bei den medizinischen Kollegen Staunen hervor. Denn das Gesamtcholesterin war niedriger als zu Zeiten der Statineinnahme. Nach drei Monaten ohne diese Pillen war der Wert weiter auf  210 mg/dl gesunken, verglichen mit 221 ml/dl im Jahr zuvor, als er noch Statine einnahm.

Die Ernährung macht den Unterschied

Nach seinen Schilderungen hat Dr. Gajraj nicht nur die Statine abgesetzt, sondern auch wesentliche Änderungen an seinem Lebensstil vorgenommen. Er strich Zucker, Alkohol und stärkehaltige Lebensmittel wie Brot aus der Ernährung, und nahm mehr tierisches Fett zu sich. Dies begründet er im The Telegraph:

„Die meisten Experten sind sich heute einig, dass der Zucker der wahre Bösewicht bei der Entstehung von Herzkrankheiten ist, während gesättigtes Fett,  nach Jahrzehnten der Dämonisierung, immer wieder freigesprochen wird, wie kürzlich eine Metaanalyse von 70 Studien an der Universität Cambridge zeigte“.

Er aß drei- oder viermal pro Woche rotes Fleisch und genoss Butter, Milchprodukte und jede Menge Eier. Nach verbreiteter Auffassung hätte der Cholesterinspiegel mit dieser Ernährung, reich an gesättigten Fettsäuren, wieder auf die alten Werte, die zur Einnahme von Statinen geführt hatten, ansteigen müssen. Weit und breit keine Spur, im Gegenteil, der Cholesterinwert war gesunken und blieb sieben Monate lang auf niedrigem Niveau. Darüber hinaus zeigte sich, dass der LDL-Spiegel (sogenanntes schlechtes Cholesterin) niedriger war, als unter Statinen, und das Verhältnis von HDL (sogenanntes gutes Cholesterin) zu LDL unter vier lag . Nach allen medizinischen Erkenntnissen ein ausgezeichneter Wert.

„es ist nicht so, dass mir das etwas bedeutet“.

Dr. Gajraj glaubt, dass es in den ersten Jahren die Statine waren, die seinen Cholesterinspiegel so dramatisch gesenkt hatten. Mit seinem heutigen Wissen schränkt er aber ein: „dies spielt eigentlich keine Rolle, es ist nicht so, dass mir das etwas bedeutet“.

Seine Schlussfolgerung:

„In der Vergangenheit wurde ein hoher Cholesterinspiegel zu sehr für den Sündenbock gehalten. Unter bestimmten Umständen kann er ein Indikator für eine Herzerkrankung sein, es gibt jedoch keine Hinweise auf einen kausalen Zusammenhang. Meiner Ansicht nach sind ein hoher Cholesterinspiegel oder ein hoher LDL-Spiegel nicht die Verursacher von Herzinfarkten, genauso wenig wie  Feuerwehrleute, die  bei einem Brand zur Stelle sind, um das Feuer zu löschen.

Mit Medikamenten den Cholesterinspiegel zu senken, ohne die tatsächlichen Verursacher von Herzkrankheiten, wie Ernährung und Lebensstil zu ändern, ist nicht zielführend. Außerdem gibt es viele andere, zuverlässigere Indikatoren für das Risiko von Herzerkrankungen.

Verbesserte Gesundheit durch Verzicht auf Zucker, Stärke und die vermehrte Aufnahme von tierischem Fett

Zur Verwunderung seiner Kollegen haben  sich auch andere Gesundheitsmarker zum Besseren veränderten. Der Blutdruck war gesunken, der Bauchumfang ging zurück, die freien Blutfette, die Triglyzeride, waren niedriger als zu irgendeinem Zeitpunkt in den letzten Jahren. Der Nüchtern-Blutzuckerspiegel war optimal, während er ein Jahr zuvor noch in einem kritischen Bereich lag. Die weißen Blutkörperchen – ein Hinweis auf Entzündungsherde – waren gesunken und auch der Langzeitzucker, das glykierte Hämoglobin (HbA1c), dessen hohe Werte mit Herzerkrankungen und der Gesamtmortalität in Verbindung stehen, war normal. Schließlich war der Gehalt an c-reaktivem Protein (CRP) – einem Protein, das als Reaktion auf Entzündungen ansteigt – extrem niedrig.

Biochemisch gesehen war Dr. Gajraj in ausgezeichneter Verfassung, besser als bei der Behandlung mit Statinen. Die Kollegen führten diese Veränderungen auf eine neue Sportlichkeit zurück. Leider musste er das Verneinen, denn er war immer schon sportlich unterwegs, und war der Meinung, er hätte sich im Rahmen der Ernährungsrichtlinien gesund ernährt,  nur hatte sein Einsatz nicht die erhoffte Wirkung. Das wirklich Neue war der Verzicht auf Zucker, Stärke und die vermehrte Aufnahme von tierischem Fett.

Sorgen um Menschen, die leichtfertig Statine einnehmen

Dr. Garjaj war zu Zeitpunkt des Interviews 58 Jahre alt und nahm keine einzige Tablette mehr. Was ihm Sorgen machte klingt so:

„Ich fühle mich besser als seit Jahren und bin gleichzeitig tief besorgt über all die Bestrebungen, den Einsatz von Statinen ausweiten zu wollen“.

 Dr. Gajraj ist froh, dass er noch rechtzeitig von den Statinen weg gekommen ist, denn wie er sagt, bei ihm wurde keine Herzerkrankung diagnostiziert, und niemand in seiner Familie hatte einen Herzinfarkt. Alle vier Onkeln väterlicherseits und seine Schwester leiden hingegen an Diabetes.

Wiederum zieht er Studien heran, die Statine mit dem Risiko für Diabetes in Zusammenhang stellen:

„Untersuchungen aus Kanada, die letztes Jahr im BMJ veröffentlicht wurden, haben gezeigt, dass Statine das Risiko für Diabetes erhöhen, was mir wenig Vertrauen in dieses Medikament gibt. Die Kontroverse um diese Medikamente wurde letzte Woche wieder entfacht, als Prof. Sir Rory Collins von der Universität Oxford warnte, die Zurückhaltung der Ärzte bei der Verschreibung bei Risikopatienten könnte Leben kosten“.

Studien haben gezeigt, dass Statine nur bei Menschen mit vorhandenen Herzerkrankungen helfen, Todesfälle zu vermeiden – nicht aber unbedingt deshalb, weil sie den Cholesterinspiegel senken, sondern weil sie andere Risikofaktoren, wie den Entzündungsmarker CRP verringern können. Bewegung, Gewichtsverlust durch gesündere Ernährung und Omega-3-Präparate können ebenfalls den CRP Wert senken.

 Aus eigener Erfahrung weiß Dr. Gajraj: Praktische Ärzte und Allgemeinmediziner haben keine Zeit zum Lesen und Analysieren von Daten zu jedem medizinischen Ereignis. In einer  Umfrage lehnten sechs von zehn Allgemeinmedizinern den Vorschlag ab, die Personengruppe zu erweitern, die wegen Risikofaktoren für Herzkrankheiten Statine einnehmen sollten. 55 Prozent der Ärzte sagten, sie selbst würden keine Statine nehmen oder sie einem Verwandten empfehlen, wenn es sich um eine reine Primärprävention handelt, also noch keine Herzkrankheit aufgetreten ist.

Im Jahr 2019 können sich Ärzte wie Dr. Gajraj auf anerkannte Studien stützen, wenn sie den Pfad der Indoktrination durch Pharmakonzerne verlassen wollen. Wie sich der Einfluss dieser Konzernen laufend vergrößert, zeigt Dr. Gajraj an einigen Daten:

„Bis 2005 wurden im National Health Service (NHS) Statine nur an Personen verschrieben, bei denen das Risiko eines Herzinfarkts innerhalb von 10 Jahren mindestens 30 Prozent beträgt. Dies wurde auf ein 20-prozentiges Risiko reduziert. Die Entwürfe der neuen NHS-Richtlinien würden nun Personen mit einem Risiko von nur 10 Prozent betreffen – mit anderen Worten, die meisten Männer über 50 und die meisten Frauen über 60 wären von der Einnahme von Statinen betroffen“.

Sollen somit alle älteren Menschen, auch jene, bei denen keine Herzerkrankung diagnostiziert wurde, Statine nehmen? Der Beweis, dass wir von cholesterinsenkenden Medikamenten profitieren, ist nicht erbracht. Dr. Gajraj weist auf Studien hin, die ihm Recht geben:

„Die Hunt 2-Studie von 2011, eine der jüngsten und größten, verfolgte 10 Jahre lang 52.000 Männer und Frauen in Norwegen im Alter von 20 bis 74 Jahren. Keiner hatte eine vorbestehende Herzerkrankung.

Die Ergebnisse für Frauen waren eindeutig. Je niedriger der Gesamtcholesterinspiegel einer Frau, desto höher ihr Sterberisiko, entweder als Folge von Herzkrankheiten oder anderen Erkrankungen, einschließlich Krebs. Dies spiegelt auch die Ergebnisse früherer Studien wieder.

Bei Männern wurde eine Verbindung zwischen einem hohen Cholesterinspiegel und Herzerkrankungen und Todesfällen aufgrund anderer Ursachen gefunden. Aber das traf auch für einen niedrigeren Cholesterinspiegel – unter 195 mg/dl zu. Auch dieses Ergebnis ist nur eine Assoziation, kein Kausalzusammenhang. Der optimale Wert lag im Bereich von 195 bis 273 mg/dl“.

Fällt Ihnen etwas auf? In diesem Bereich liegt  der durchschnittliche Cholesterinwert aller Menschen.

Darüber hinaus haben zahlreiche Studien hohe Cholesterinwerte mit einer längeren Lebensdauer vor allem bei älteren Menschen in Verbindung gebracht.

 

Dieser Artikel stützt sich auf

1. Einen Artikel in der Ärzteinformation „Medscape“ vom 4. November 2019

„Erneut Diskussion um Statine zur Primärprävention – vor allem bei jüngeren Menschen: Viele Nebenwirkungen, wenig Nutzen? von Michael van den Heuvel

Der Artikel ist nach Registrierung frei zugänglich.

2. Statins for primary prevention of cardiovascular disease

BMJ 2019; 367 doi: https://doi.org/10.1136/bmj.l5674 (Published 16 October 2019) Cite this as: BMJ 2019;367:l5674

3. Einen persönlichen Bericht von Dr. Haroun Gajraj, erschienen in The Telegraph am 23.3. 2014

https://www.telegraph.co.uk/news/health/10717431/Why-Ive-ditched-statins-for-good.html

Die Zitate stammen ebenfalls aus diesem Artikel.

Das Titelbild ist ein Symbolfoto. Das Originalfoto von Dr. Haroun Gajraj finden Sie auf seiner Homepage:

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