Nach Ansicht zahlreicher Experten ist das derzeitige Bevölkerungswachstum das entscheidende Problem für das Überleben der Menschheit. Eine wachsende Zahl von Menschen belastet das Klima und verbraucht zu viele Ressourcen.

Eine einfache Lösung für eine stabile Bevölkerung hatten die Jäger und Sammlergesellschaften. Mit der Sesshaftwerdung war aber Schluss mit lustig. Die Anzahl der Menschen auf unserem Planeten begann sich vor 10 000 Jahren erst langsam, dann immer schneller, zuletzt exponentiell zu steigern. Ein Ende ist noch nicht in Sicht.

Geburtenregelung? No problem!

Mit dem Getreide als Grundnahrung versagte die hormonelle Geburtenregelung, so Harald Meller, der Leiter des Museums für Vorgeschichte in Halle an der Saale. (Zum Zitat und Video mit Transkript am Ende des Artikels.)

Bei den Jägern und Sammlern stillten die Frauen ihre Kinder bis ins 4. Lebensjahr und konnten solange nicht schwanger werden. Warum werden Frauen heutzutage schwanger, obwohl sie stillen? Was war bei den Frauen damals anders? Die Antwort gibt der Evolutionsbiologe Harald Meller:

Weil die Frauen anscheinend einst keine Fettreserven hatten. Stillen in Verbindung mit geringer Masse an Körperfett waren unbewusst das natürlichste Mittel die Kinderzahl in Schach zu halten. Die Biologie hat ein Rezept zur Empfängnisverhütung hervorgebracht.

Dann geschah der „Sündenfall“.

Eva pflückte die Früchte vom Baum und verführte damit Adam. Ein Hinweis der Bibel, dass die Menschen Schuld auf sich geladen hatten, nachdem sie ihr Dasein als Wildbeuter verlassen hatten und sich dem Ackerbau und der Viehzucht zuwandten. Die modernen Menschen konnten zwar Hütten bauen, Tiere züchten und die Nahrung selbst dem Boden abgewinnen. Aber der menschliche Stoffwechsel machte nicht mit, denn er reagierte auf das geänderte Nahrungsangebot. Der Hormonhaushalt, jahrhundertelang an tierische Produkte angepasst, spielte verrückt. Fetteinlagerungen durch hohe Insulinspitzen sind Zeichen von einseitiger hormoneller Beanspruchung. Wie wir heute wissen, konnte sich der Stoffwechsel bis in unsere Gegenwart nicht an die stärkereiche Nahrung anpassen. Die Zeit von wenigen Tausend Jahren ist dafür zu kurz.

Am Beginn der Jungsteinzeit waren viele Jäger auf der Suche nach neuen Existenzmöglichkeiten, da eine Klimaänderung einerseits die Herden dezimierte, andererseits den Boden fruchtbarer machte. Das war die Chance für die sprunghafte Vermehrung der Menschen, allerdings auf Kosten der Gesundheit und Freiheit der Individuen.

Die Bibel sucht abermals eine Antwort und stellt die Schuldfrage

Die Strafe für das Verlassen des Paradieses, das Aufgeben der natürlichen Lebensweise der Jäger und Sammler, mussten die Nachkommen bezahlen. Zu viele Menschen auf engstem Raum erzeugen Konflikte, wie Mord und Totschlag. Die Frau, bisher ein selbstbestimmtes Wesen, musste die wachsende Kinderschar hüten und war dem Mann, dem Versorger ausgeliefert. Sie galt als die Verführerin und hatte für die Erbsünde, dem Trieb zur Fortpflanzung, zu sühnen, während Männer frei davon kamen. Die Kirchen haben in vielen Geschichten und Bildern mitgeholfen, dieses Gesellschaftsbild zu festigen, bis es auch die hauptsächlichen Opfer, die Mädchen und Frauen glaubten.

Die Evolution will die optimale Vermehrung jedes Lebens, also die Verbreitung unserer Gene.

Wenn sich die Umweltbedingungen ändern, finden eventuell auch unsere Gene bessere Verbreitungsmöglichkeiten. Das geschah mit dem Umstieg auf den Ackerbau. Wir verlassen das Paradies und werden bestraft. Versuche, eine Moral zu etablieren werden immer wieder gemacht und funktionieren nur für eine beschränkte Zeit und in bestimmten Ländern. Seuchen, Kriege, Gewalttaten werden als Strafe Gottes für menschliche Fehler gedeutet. Dass der Beginn allen Übels am Wechsel zu  Ackerbaugesellschaften liegen könnte, daran hatte lange niemand gedacht. Zu sehr waren Weltbilder von Religionen und später von nationalistischen Ideologien geprägt.

Religionen sehen die Probleme in der Moral der Menschen begründet.

Die Auseinandersetzungen in der Natur laufen nicht nach moralischen Maßstäben ab. Die Geschichte der Menschheit richtet sich ebensowenig nach einer absoluten Moral. Sie macht ihre Experimente, begeht Irrtümer und feiert Erfolge, je nachdem welche Interessen sich durchsetzen. Daraus entsteht eine Ethik, die von Menschengruppen für kurze oder längere Zeiten angenommen oder verworfen werden. Religionen dienten immer wieder dazu, Gesellschaften im Umbruch zu stabilisieren. Ihre Wertvorstellungen werden mehr oder weniger genau eingehalten (z.B. Geburtenregelung), je nachdem ob eine andere Institution, wie der Staat, vorhanden ist, der das Zusammenhalt der Bürger regelt.

Charles Darwin machte den Weg frei für ein neues Denken.

Die Evolutionsbiologie erklärt, wie sich alle Wesen, ob Pflanzen oder Tiere, an die Umwelt anpassen oder untergehen. Der Mensch ist auf Grund seiner Vernunft zur Naturbeobachtung in der Lage und kann daraus Schlüsse ziehen. Das schafft ihm einen Vorteil in der Verbreitung auf dem und in der vermeintlichen Beherrschung des Planeten. Aber er kann die Evolutionsgesetze nicht aushebeln. Er ist nicht alleine unterwegs, denn andere Lebewesen kämpfen auch nicht erfolglos um ihre Verbreitung. Der Mensch ist am Beginn der Jungsteinzeit in eine neue Phase des Kampfes gegen die Natur und auch gegen Seinesgleichen angetreten. Wir wissen nicht, wie lange der Homo Sapiens noch so weitermachen kann. Wir wissen nur, dass er sich zu Unrecht als die Krone der Schöpfung aufgespielt hat und dass er oder seine Nachkommen einen Preis wird zahlen müssen.

Gesundheit dient vor allem der Zeugungsfähigkeit

Für eine optimale Fortpflanzung hat die Erhaltung der Gesundheit oberste Priorität. Geht die Fähigkeit der Fortpflanzung verloren, hat die Evolution kein großes Interesse  für unsere Gesundheit zu sorgen. Männer sind länger fortpflanzungsfähig, Frauen hingegen spielen bei der  Aufzucht des Nachwuchses der nächsten Generation eine wichtige soziale Rolle.

Das höhere Lebensalter und der damit einhergehende Verlust der Zeugungsfähigkeit, müssen sich aber nicht zwangsweise auf die Gesundheit auswirken. In den westlichen Zivilisationsgesellschaften zahlen die meisten Menschen einen überhöhten Preis für ein längeres Leben. Die Jahre, die unser Leben verlängern, verbringen wir selten gesund. Wohlstandskrankheiten werden als Preis für die Zivilisation abgetan. Dafür gibt es ja Ärzte. Ihnen wird unser Leben anvertraut. Wir geben es aus der Hand.

Darauf hat uns die Evolution nicht vorbereitet. Dazu haben wir selbst durch die Abkehr von einem natürlichen Lebensstil beigetragen.

Es gibt eine Lösung. Nicht so schnell für die Gesellschaft, in der wir leben. Aber jeder Einzelne kann seinen Weg verbessern, wenn er versucht im Einklang mit jenen Voraussetzungen zu leben, die in seinem evolutionären Erbe festgeschrieben sind.

Wir wissen heute, dass eine Ernährung, an die wir uns in vielen hunderttausend Jahren angepasst haben, gesünder ist als jene, die vor 5000 Jahren oder gar erst vor 50 Jahren ausgedacht und ausprobiert wurde.

 Wir leben heute in einer Welt, die von Menschen gemacht wurde.

Wissenschaftler sprechen vom Anthropozän. Der Ausdruck Anthropozän beschreibt eine neue Epoche: das Zeitalter, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist.

Wenn wir überleben wollen und unser Leben mit viel Gesundheit und in Frieden verbringen wollen, müssen wir unsere Vernunft stärker auf die Kräfte der Natur richten und von ihnen möglichst komplette Vorgänge abschauen. Die ersten 2 Millionen Jahre haben uns mehr als wir uns vorstellen können geprägt. Wir sind dieselben Wesen geblieben, wie der Homo Sapiens, der vor 200 000 Jahren aus Afrika ausgezogen ist und jagend und sammelnd die Welt entdeckte. Auch der Vormensch hat bereits seinen zerstörerischen Spuren hinterlassen. Durch seine geringe Zahl, mit einfachen Werkzeuge ausgestattet und mit Respekt vor den Geheimnissen der Natur, hat er im Kreislauf von Geben und Nehmen, Leben und Sterben, seinen Platz gefunden. Das endet mit der jungsteinzeitlichen Revolution, als die Menschen vor 10 000 Jahren begannen, dem Boden mit mühevoller Arbeit Früchte abzuringen.

Das war der Beginn der Auseinanderentwicklung von Kultur und Natur. Genauer: unsere biologische Prägung hielt mit dem kulturellen „Fortschritt“ nicht mit. Können wir die Kluft wieder verringern? Jeder sollte es auf seine Art und Weise versuchen. Wenn viele mitmachen, ist die nächste große gesellschaftliche Revolution möglich. Sie wird auf jeden Fall auch eine Ernährungsrevolution beinhalten. Für manche von uns hat sie schon begonnen.

 

Mehr dazu in ORF1, Universum History, Rätsel der Steinzeit, 29.12.2017, mit Harald Meller, Direktor des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle / Saale, Minute 7:30 bis 10:00. Harald Meller erklärt das entscheidende Problem der Menschheitsgeschichte:

 Transkript: Vom Jäger zum Bauern

Harald Meller:

„Die Umwälzung des Neolithikums (vor 6000 bis 12 000 Jahren) ist die entscheidende Umwälzung in der Menschheitsgeschichte. Die Sesshaftwerdung der Menschen ist eigentlich das Kardinalproblem. Es ist tatsächlich der entscheidende Sündenfall. Der Mensch lebte hunderttausende Jahre als Jäger und Sammler. Diese natürliche  Ernährungsweise bedingt, dass der Mensch vergleichsweise wenig Nachkommen bekommt, denn die Frauen werden nie schwanger, während sie stillen. Und das ändert sich fundamental und radikal mit der Erfindung oder Entstehung der Landwirtschaft. Denn dadurch ändert sich die Ernährung“.

Kommentar aus dem Off:

„Nie gab es Getreide, Kohlenhydrate im Überfluss und genug Tiere sind lebendige Fleisch- und Fettvorräte“.

Harald Meller:

„Und das führt zu einem erhöhten Fettanteil im Körper. Das führt dazu, dass die Frauen sozusagen jedes Jahr schwanger werden können und dass es eine Bevölkerungsexplosion gibt. Die Bevölkerungsexplosion des Neolithikums, die eine Erfindung des Neolithikums ist, ist bis heute nicht gestoppt und ist global unser alles entscheidende Problem“.

Kommentar aus dem Off:

„Von da an vermehren sich Menschen stärker und müssen auf engem Raum zusammenleben“.

https://www.youtube.com/watch?v=YpDny-SgqzM