Wieder einmal widmet sich ein renommiertes Wissenschaftsjournal der Frage nach der Entstehung und der wissenschaftlichen Begründung der Fettangst. Es gibt keinen Hinweis auf ein Risiko für Herzerkrankungen durch Konsum von gesättigtem Fett. Dieser Meinung schließt sich der Autor des Artikels in The Lancet vom 19. August 2017, Stuart Spencer, an, wenn er das Buch der Wissenschaftsjournalistin Nina Teicholz rezensiert.

Lesen Sie meine Übersetzung des englischen Textes

 

 

So mancher Leser wird über dieses Buch entsetzt sein. Wer der Meinung war, gesättigtes Fett und Cholesterin sind schädlich, könnte schockiert sein. Wer gedacht hat, die Fettgeschichte ist übertrieben, könnte sich empören. Wer an objektive Informationen der Wissenschaft an die Öffentlichkeit glaubt, wirst den Kopf schütteln. Berichte über schockierende wissenschaftliche Korruption und Mitschuld von Regierungsbehörden finden sich allesamt in Nina Teicholz´s Bestseller The Big Fat Surprise. Dies ist ein aufrüttelndes Buch über wissenschaftliche Inkompetenz, religiöse Ambitionen und rücksichtslose Unterdrückung eines Widerspruchs, der unser Leben jahrzehntelang geformt hat.

Es ist wichtig, dass die Menschen Vertrauen zur Wissenschaft haben. Trotz der wachsenden Zahl von zurückgezogenen wissenschaftlichen Studien, werden Wissenschaftler von der Bevölkerung zu den vertrauenswürdigsten Berufsgruppen gerechnet. Der britische Vertrauensidex von Ipsos MORI fand 2016, dass Wissenschaftler bei 80 % der Bevölkerung zu den Berufsgruppen mit höchstem Ansehen gehören. Bedauerlicherweise könnte sich dies durch die Enthüllungen von Teicholz ändern, die behauptet, dass die Öffentlichkeit auf Grund  der Verbreitung der Ansicht, größere Mengen gesättigtes Fett in der Nahrung wären die Ursachen von Herzkrankheiten, in die Irre geführt wurde,.

Schlechte Wissenschaft war der Anfang des Problems, behauptet Teicholz. The Big Fat Surprise schildert, wie Ancel Keys die „Diet-heart Hypothese“ ausgearbeitet  und beworben hat. Er verließ sich auf eine epidemiologische Studie, „The Seven Countries Study“, die das Ziel hatte, eine Korrelation zwischen gesättigtem Fett in der Nahrung und Herzkrankheiten herzustellen. Die anfangs veröffentlichten Ergebnisse dieser Studie schienen die Zusammenhänge zwischen Fettverzehr und Herzkrankheiten zu bestätigen, aber Teicholz spricht von Einseitigkeit bei der Auswahl der Länder und bei der Erhebung der Daten (nur wenige Daten eines jeweiligen Landes). Eine derartig unvollständige Studie hätte heute Schwierigkeiten in einem respektablen Wissenschaftsjournal veröffentlicht zu werden. Darüber hinaus war die Laufzeit kurz. Wenn Daten aus längeren Beobachtungszeiträumen zur Verfügung standen, fanden seine Hypothesen keine Bestätigung mehr – aber diese wurden oft nicht veröffentlicht.

Teil des wissenschaftlichen Veröffentlichung ist ein strenger Prozess, „Peer Review“ genannt, einschließlich einer Debatte. Ein Verfahren zur Qualitätssicherung einer Arbeit durch unabhängige Gutachter aus dem gleichen Fachgebiet. Viele Stimmen haben sich gegen die Interpretation der Seven Countries Study erhoben. Eine abweichende Meinung wurde jedoch kaum geduldet und Teicholz beschreibt, wie die Diskussion in persönliche Angriffe abglitt. Teicholz erklärt, wie das alles in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts geschah.

Nach seinen Herzattacken unterstützte der US Präsident Dwight Eisenhower weitere wissenschaftliche Untersuchungen über Nahrungsfett und Herzkrankheiten. Befürworter des Zusammenhangs zwischen Fett und Herzkrankheiten waren im Aufstieg und besetzten Positionen als Regierungsberater, als Redaktionsmitglieder und bei der Vergabe von Fördergeldern. Von diesen mächtigen Positionen aus, konnten sie Kritiker zum Schweigen bringen, und erschwerten die Veröffentlichung von  Studien, die mit ihrer Ansicht nicht übereinstimmten. Dazu kam noch, wie Teicholz dokumentiert, dass Forscher, die um Fördergelder ansuchten, mit denen sie die Meinungsbildner der Fettdiskussion in Frage stellen könnten, ihr Förderansuchen zurückgeworfen bekamen. Teicholz berichtet, dass einem Förderwerber gesagt wurde „Deine Opposition zu Keys wird dir noch die Subventionen kosten“. In der gegenwärtigen Wissenschaft gibt es insofern Kritik an Peer Reviews, dass die Überprüfer möglicherweise die Resultate dann nicht objektiv bewerten, wenn sie ihrer eigenen Arbeit widersprechen. Wenn wissenschaftliche Förderung und Veröffentlichungen vom Goodwill der bewertenden Person abhängig sind, kann eine Wissenschaft, die ein Dogma in Frage stellt, erstickt werden.

Teicholz berichtet weiter, dass Agenturen zur Gesundheitsförderung, auch beteiligt waren, Ratschläge von schlechter wissenschaftlicher Grundlage so mancher Meinungsbildner  zu verbreiten. Zusagen von massiven Förderungen, zusammen mit dem Fehlen einer strengen Evaluation der best-möglichen Evidenz, führten zu eingefahrenen Positionen beim Fettkonsum. Auf der Basis von epidemiologischen Daten, aber unter Ignoranz der Evidenz von direkten wissenschaftlichen Interventionsstudien mit gesättigtem Fett, hat sich das Mantra der fettarmen Ernährung etabliert. Parallelen dazu gibt es in heutigen Ernährungsempfehlungen, in denen Lebensmittel auf der Basis von fehlender oder schlechter wissenschaftlicher Evidenz empfohlen oder gebrandmarkt werden.

The Big Fat Surprise ist eine ergreifende Erzählung, bei der der Leser bei so manchen Behauptungen von Teicholz skeptisch bleiben und die Referenzen überprüfen sollte. Wenn viele der genannten Studien von neuem aus einer kritischen Perspektive gelesen werden, könnte die Angst und Wut  noch zunehmen. Teicholz erinnert daran, wie wichtig es ist, die Wissenschaft kritisch zu hinterfragen und noch wichtiger, unberechtigte Auslegungen zu überprüfen; man muss sich immer erinnern, dass Assoziationen nicht für Evidenz und Kausalität gehalten werden dürfen; es gilt wachsam zu sein, ob Verfälschungen vorliegen und ob ungünstige Ergebnisse weg gelassen wurden.

 

Wissenschaftler, Ärzte und Verantwortliche im Gesundheitssystem sollten dieses provozierende Buch lesen, das uns auf die Bedeutung von guter Wissenschaft und auf die Notwendigkeit Dogmen in Frage zu stellen, hinweist – insbesondere, wenn Agenturen (mit bester Absicht) wissenschaftliche Daten verwenden um gesellschaftliche Veränderungen zu betreiben. The Bit Fat Surprise zeigt auch, dass die Frage nach wissenschaftlicher Redlichkeit dem persönlichen Ehrgeiz nicht untergeordnet werden darf. Über das Thematisieren der Verunglimpfung von gesättigtem Fett hinaus, sollte dieses Buch Mut machen, andere sogenannte Fakten in Frage zu stellen.

Hier geht’s zum englischen Originaltext.