Muss man ein schlechtes Gewissen haben, wenn man in Zeiten der Klimadiskussion regelmäßig Fleischprodukte isst? Kommt nach dem „Flug-Shaming“ jetzt das „Fleisch-Shaming“? In der laufenden Klimadebatte ertönt immer öfter der Appell weniger Fleisch und mehr pflanzliche Nahrung zu sich zu nehmen. Tun wir dem Planeten wirklich etwas Gutes, wenn wir den Fleischkonsum einschränken, Vegetarier/In werden oder uns vegan ernähren?

Der Verkehr ist der größte Klimakiller, nicht die Landwirtschaft

Wenn wir über den Klimawandel diskutieren, kommt schnell jemand auf den Fleischkonsum zu sprechen. Es ist doch ganz einfach, wenn die ganze Welt nur einmal in der Woche Fleisch isst, könnten die Treibhausgase um soundso viel Prozent gesenkt werden. Von diesem Argument ist man erschlagen. Als Mitverursacher des Klimawandels können wir dieser moralischen Aufforderung nicht widersprechen ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Wie populär solche Aussagen sind, zeigt der oberste Grünpolitiker in Österreich, Werner Kogler, im laufenden Wahlkampf: wir sollten nur einmal in der Woche Fleisch essen.

Leider haben auch viele Menschen die Aussagen im Kopf, dass rotes Fleisch Herzkrankheiten oder Krebs verursachen könnte, und gesättigtes Fett, das mit dem Fleisch eingenommen wird, dick und fett mache. Zwei Fliegen auf einen Streich: gesünder leben und Klima retten. Ja, wenn es nur so einfach wäre.

Dazu nur ein Satz: Studien, die zum Ergebnis kommen, dass pflanzliche Kost gegenüber tierischer Nahrung gesünder sei, beruhen auf Befragungen, Beobachtungen oder Auswertung von Fragebögen und sind wissenschaftlich von geringer Bedeutung, da sie keine kausale Ursache – Wirkungs –Logik nachweisen können.

In der Klimadebatte leben diese Ängste, schlecht oder falsch ernährt zu sein, wieder auf. Was liegt näher als sich am Riemen zu reißen und Fleisch durch Getreide, Reis, Kartoffeln, Soja, Gemüse etc. zu ersetzen? Sich selbst und dem Klima zu liebe.

Kann man dieses Grundnahrungsmittel wirklich  für den Klimawandel verantwortlich machen? Müssen wir ein schlechtes Gewissen haben oder müssen wir uns gar schämen, wenn wir in der Runde darauf bestehen, dass wir unsere Ernährung auf tierische Produkte aufbauen?

Zunächst die erste Frage: Was kommt als Fleischersatz in Frage?

Veggie-Burger, Beyond Meat und dergleichen? Also auch industriell hergestellte und hoch verarbeitete pflanzliche Nahrung, mit viel Zucker und raffinierten Fetten. Aus gesundheitlicher Sicht geraten die selbst ernannten Klimaretter vom Regen in die Traufe. Der CO2 Ausstoß lässt sich dadurch kaum beeinflussen, für die Gesundheit ist aber entscheidend, was auf dem Teller liegt!

Daher müssen wir genauer hinsehen: Die Verbrennung fossiler Brennstoffe für Transporte auf der Straße, in Flugzeugen, für die Industrie und die Energiegewinnung im Großen und Ganzen, übersteigt die CO2 Emissionen, die bei der Lebensmittelgewinnung entstehen, bei Weitem.

Der Journalist Paul John Scott setzt sich in einem viel beachteten und über soziale Medien weit verbreiteten Kommentar mit dieser Frage auseinander. In der Minneapolis Star Tribune löste sein Artikel unter der Schlagzeile „It´s the cars, not the cows” heftige Diskussionen aus: Minneapolis Star Tribune: It’s the cars, not the cows

 „Die vegetarische Einverleibung der Klimakrise ist rücksichtslos“.

Scott erhebt den Vorwurf, dass die öffentliche Klimadebatte den Fokus viel zu sehr auf Fleischreduktion richtet. Die Aufmerksamkeit wird auf ein nebensächliches Thema gerichtet, die waren Verursacher können ihr Spiel im Schatten der Fleischdebatte weiterspielen. Mit seinen Worten: „Die vegetarische Einverleibung der Klimakrise ist rücksichtslos“.

Dabei steht auch bei ihm der Klimawandel außer Streit:

„Der Klimawandel erfordert unsere gezielte Aufmerksamkeit, kollektive Opferbereitschaft und beispiellosen politischen Mut. Diese Maßnahmen werden schmerzhaft genug sein“, schreibt Scott, und weiter,

„Es wäre kontraproduktiv, wenn ein Lebensmittelaktionismus die Agenda Klimarettung an sich reißen würde“.

Machen wir uns nichts vor. Der Klimawandel verlangt Entscheidungen auf vielen Ebenen. Auch die Lebensmittelproduktion bleibt dabei nicht verschont. Die Versuchung, mit dem Essen zu beginnen, ist groß. Es schwirren die unterschiedlichsten Zahlen durch die Medien. Greenpeace schätzt, dass 25 Prozent der schädlichen Klimagase bei der Produktion und Verteilung von Lebensmitteln anfallen. Was heute bei uns als Landwirtschaft gilt, ist zumeist Teil eines industriell-chemischen Komplexes, bei dem Saatguthersteller, Ölraffinerien, Futtermittelexporteure und das Bankensystem als Big Player auftreten. Die Bauern, sofern es sie überhaupt noch gibt, sind genauso Opfer wie die Konsumenten. Wir verspüren natürlich, dass bei den Preisschlachten etwas nicht stimmen kann und werden durch wiederkehrende Lebensmittelskandale in Unruhe versetzt. Klar, dass das gesamte System in Verruf geraten ist. Nur nützt es dem Klima, wenn wir vom Fleisch zu anderen Lebensmittel übergehen?

Zurück zu den Aussagen von Paul John Scott in der Minneapolis Star Tribune. Er selbst ist kein Feind vegetarischer Ernährung. Er hat sich  überwiegend der pflanzlichen Nahrung verschrieben, was seine Kritik glaubwürdiger macht. Er schreibt:

„Natürlich ist Fleischverzicht eine legitime, ehrliche und bewundernswerte persönliche Entscheidung.“

Es wird wohl niemand bestreiten, dass jede Form der Landwirtschaft, insbesondere die Viehzucht, sowohl Treibhausgase als auch Methan in die Atmosphäre emittiert.

Er argumentiert aber, dass die Rolle des Fleischessens beim Klimawandel aus dem Zusammenhang gerissen wird. Er zerpflückt zahleiche Statistiken, die in den letzten Jahrzehnten als Fakten präsentiert wurden, und zeigt, wie sie von verschiedenen Interessensgruppen für ihre Agenden benutzt wurden.

So zeigen Daten, die nur die direkten Emissionen durch Nutztiere berücksichtigen, dass die Klimabelastung durch Viehzucht mit 3,9 % bescheiden ausfällt. Zumindest ist das die Ansicht der amerikanischen Umweltbehörde EPA: Zitat Scott:

 „Die EPA schätzt, dass 9% aller direkten Emissionen in den USA auf die Landwirtschaft zurückzuführen sind, verglichen mit 20% auf die Industrie, 28% auf Elektrizitätserzeugung und 28% auf den Verkehr. Lediglich 3,9% entfallen auf Nutztiere.“

  EPA: Die United States Environmental Protection Agency -EPA Umweltschutzbehörde, eine unabhängige Behörde der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika zum Umweltschutz und zum Schutz der menschlichen Gesundheit, siehe Wikipedia.

Was ist mit Methan? Scott untersucht auch diese Emission und stellt fest, dass allein durch Fracking (Ölgewinnung aus Schiefer) Erdgaslecks von 13 Teragramm (13 Millionen Tonnen) Methan pro Jahr in die Atmosphäre abgegeben werden – das ist die doppelte Menge der Nutztierhaltung. Hinzu kommt, dass der Methanbeitrag der Kühe im Vergleich zu anderen künstlichen Quellen– wie z.B. Deponien, Klimaanlagen oder Reisfelder verblasst.

Eine Studie geht um die Welt

Der „EAT Lancet-Report“ erregte kürzlich Aufmerksamkeit und passte ins Bild mancher Medien. Im Januar 2019 wurde darin empfohlen, den Fleischverzehr um 80% zu reduzieren, um den Planeten vor der Klimakatastrophe zu bewahren.

Siehe dazu Blogbeitrag: „Lancet EAT Report“: Ist weniger Fleisch gut für Klima und Gesundheit?

Die Verfasser der Studie gehen soweit, den Haushalten in Asien zu empfehlen auf die Verwendung von Gas zum Zubereiten von Reis zu verzichten. Ist es besser die Wälder abzuholzen?  Inwieweit persönlicher Verzicht jemals ins Gewicht fällt, hängt davon ab, ob daraus eine politische Frage wird.

Scott untersucht die Finanziers und die Agenda des EAT Lancet-Reports vom Januar 2019. EAT Lancet hat „seltsame Bettgenossen“, schreibt er.

„Zu den Sponsoren der Studie zählen der Chemiehersteller Dupont, der Technologiekonzern Google, der Buchhaltungskonzern Deloitte, das PR „Ungetüm“ Edelman, 13 weitere Chemieunternehmen sowie 27 Lebensmittel- und Arzneimittelhersteller, darunter Kohlenhydrathändler mit Produkten von Kellogg’s, Nestlé und PepsiCO, sowie die Lebensmittelgiganten Cargill und Unilever.“

Sarkastisch fragt er: „Was könnte diese Motoren des Kapitalismus möglicherweise dazu bringen, das Verbarrikadieren jedes Steakhauses, jeder Austernbar und jedes Grills zu begrüßen?

Dem Autor Paul John Scott ist Recht zu geben. Eine mit der Umwelt in Einklang befindliche Landwirtschaft ist möglich. Sie existiert noch, zwar in geringem Umfang in Europa, eher in Ländern, in denen die technologische Revolution ihr Zerstörungswerk noch nicht begonnen hat. Leider trifft der Klimawandel die Menschen in diesen gering industrialisierten Ländern viel stärker.

Nur eine umweltverträgliche Landwirtschaft kann gesunde vollwertige Lebensmittel hervorbringen, die dem menschlichen Leben und dem Planeten zugutekommen. Eine vegetarische Ernährung kann dabei auch eine Rolle spielen, soweit sie das Augenmerk auf hochwertige Kohlenhydrate lenkt. Im Übrigen sollte in der Klimadebatte die Forderung erhoben werden, dass alle Lebensmittel, ob tierisch oder pflanzlich, auf möglichst artgerechte und umweltverträgliche Weise erzeugt werden.

Zitate aus: Minneapolis Star Tribune, http://m.startribune.com/it-s-not-about-the-hamburgers/512276872/

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Dazu ein aktueller Artikel in USA TODAY von Bjorn Lomborg

Lassen Sie sich von vegetarischen Umweltschützern nicht dafür beschämen, dass Sie Fleisch essen. Die Wissenschaft ist auf Ihrer Seite.

Don’t let vegetarian environmentalists shame you for eating meat. Science is on your side.