Es ist gar nicht so einfach einen Arzt zu finden, der die ketogene Ernährung im Rahmen seiner Therapie einsetzt. Dr. Markus Bock, ein Berliner Arzt und Neurowissenschaftler, ist einer der Wenigen, die sich dazu entschieden haben. Er sammelte persönlichen Erfahrungen mit der ketogenen Ernährung um seine sportlichen Leistungen zu verbessern und landete an der Charité Berlin, wo er seine Erfahrungen in wissenschaftlichen Studien überprüfen konnte. Dabei konnte er zeigen, dass Patienten mit Multipler Sklerose bedeutende Vorteile bei der Anwendung einer kohlenhydratarmen und fettreichen Ernährung haben.

Er führt eine neue Generation von Ärzten an, welche die kohlenhydratarme Ernährung bei einer Vielzahl von chronischen Krankheiten, die sich in der westlichen Zivilisation epidemisch ausbreiten, einsetzen. Dr. Bock kann auf mehrjährige Forschungsarbeiten verweisen. Darüber wurde zuletzt in der österreichischen Tageszeitung „DERSTANDARD“ vom 12. Jänner 2019 berichtet.

Wer Dr. Bock auf Grund der Entfernung nicht in seiner Ordination aufsuchen kann, hat die Möglichkeit ihn per Videokonferenz zu konsultieren. Näheres auf seiner Homepage:

www.zuckerfasten.de oder www.dr.markusbock.de

Dr. Markus Bock beantwortete mir am Telefon einige Fragen:

Robert Schönauer (RS): Was halten Sie vom Trend zu Low-Carb im Vergleich zu neuen Entwicklungen, die aus den USA kommen und mehr fettbetont sind?

Dr. Markus Bock (MB): Low Carb hat sich weiter entwickelt und ein Missverständnis kann aufgeklärt werden. Damit die kohlenhydratarme Ernährung ihre volle Wirkung erlangt, darf man auf Fett nicht verzichten. Eine reine Reduktion von Kohlenhydraten kommt eher einer vorübergehenden Diät gleich und ist als Lebensstil langfristig schwer praktizierbar. Eine fettbetonte Ernährung wirkt wesentlich besser.

RS: Wie sind Sie auf Low-Carb aufmerksam geworden?

MB: Ich begann bereits im Jahr 2001 aus sportlichen Gründen mit kohlenhydratarmer Ernährung, zu einer Zeit als man unter Sportlern nur von „Carb-Loading“ sprach. Ich habe mich auf das Buch von Wolfgang Lutz gestützt (Leben ohne Brot). Er hat sich noch vor der Ketose gescheut und stand noch in der Denkweise, dass Ketone schädlich sein könnten. Ich fand aber Lutz sehr ansprechend, das Buch hat mich sehr beeinflusst.

RS: Da haben wir einen gemeinsamen Mentor! Ich habe Dr. Lutz im Juni 2010 in Graz besucht und ihm bezeugt, dass sein Werk weiter Bestand hat und wissenschaftlich bestätigt wird. Lutz gibt in seinem Buch der Hoffnung Ausdruck, dass seine persönlichen Erfahrungen mit Kohlenhydratreduktion bei MS von Wissenschaftlern genauer untersucht werden:

 „Da ich selbst nie ein entsprechend großes Krankengut werde überblicken können, kann ich nur hoffen, dass sich mit der Zeit andere finden werden, welche meine Anregungen aufnehmen und einen Versuch mit Diät bei multipler Sklerose anstellen“. W. Lutz, Leben ohne Brot, 16. Aufl., 2007, S 161.

MB: Ich habe als Arzt sehr lange in der Neurowissenschaft gearbeitet, vor allem mit MS-Patienten. Wir haben entdeckt, dass es bei MS ganz stark um Entzündungsreaktionen geht. Darum dachte ich, dass eine ketogene Ernährung, bei der sich Entzündungen nachweislich verringern, auch bei Multipler Sklerose hilfreich sein müsste. Darüber hat auch Dr. Lutz geschrieben. 2007 und 2008 konnte im Tiermodell der MS gezeigt werden, dass sich bei Ratten und Mäusen in der Ketose die Immunantwort deutlich verbesserte und sich Entzündungen wesentlich verringerten. Später haben Versuche an Menschen diese Ergebnisse bestätigt.

RS: Haben Ihre Studienergebnisse dazu geführt, dass die Ernährungsforschung bei neurologischen Krankheiten in Gang gekommen ist?

MB: Leider gibt es auf diesem Gebiet weltweit nur eine Handvoll Studien, die man ernst nehmen kann. Die große Masse bilden Pharma-Studien; gute, umfassende Ernährungstudien fehlen.

RS: Nach dem Erscheinen ihres Interviews im STANDARD am 12. Jänner, erscheinen rasch hintereinander 5 weitere Forschungsberichte in dieser Zeitung. Alle berichten von neuesten Medikamenten, ohne auf die Ernährung einzugehen. Jetzt herrscht wieder Schweigen in der Presselandschaft. Mein Eindruck ist, Sie haben einen Funken entfacht, der gelöscht werden musste, ehe ein Flächenbrand entstehen konnte.

MB: Was ich gemacht habe ist im Wesentlichen Pionierarbeit, die nicht richtig honoriert und schon gar nicht nachhaltig weitergeführt wurde. Letztlich ist mir die Arbeit ein bisschen aus der Hand gerissen worden, wie es halt so ist, wenn man nicht das macht, was vorgesetzt wird. Trotzdem bestehen wieder neue Aussichten mit anderen Instituten, wie der Neurogeriatrie, die Keto-Forschung wieder aufzunehmen.

RS: Es besteht also doch die Bereitschaft neue Forschungsansätze im Bereich der Neurologie umzusetzen. Auf welche Bereiche erstreckt sich Ihre ärztliche Praxis?

MB: Ich behandle im allgemeinmedizinischen Bereich viele Patienten mit Diabetes Typ-2. Dies bedeutet eine spezielle Herausforderung. Patienten mit Diabetes haben nicht den hohen Leidensdruck, wie MS Patienten, weil es Medikamente gibt, mit denen sie auch alt werden können, nur nicht gesund alt werden. Das ist das Problem. Niere, Netzhaut steigen aus, Neuropathien und Amputationen kommen dazu. Aus meiner Sicht wäre es möglich, das Alter mit mehr Gesundheit zu erleben.

RS: Hinter der Behandlung von Diabetes steht eine große Industrie und ein medizinischer Apparat verdankt dieser Krankheit, die als chronisch angesehen wird, seine Existenz.

MB: Das ist bei Medikamenten genauso der Fall, wie bei allen anderen Produkten. Wir leben in einer Konsumgesellschaft, in der es darum geht, die größtmöglichen Gewinne einzufahren, egal ob es sich um Medikamente oder um Lebensmittel handelt. Ziel ist der Absatz.

RS: Wie reagieren andere Neurologen, wenn sie von positiven Erfahrungen mit ketogener Ernährung erfahren?

MB: Es gibt viele aufgeschlossene Neurologen. In Berlin habe ich Kollegen, die laufen noch unterm Radar, weil sie auch Angst haben, sich zu outen. Denn die therapeutischen Leitlinien sind nun einmal vorgegeben und wenn man sich nicht daran hält und abweicht, kann man natürlich auch Ärger bekommen.

RS: Was würden Sie einem an sich gesunden aber übergewichtigen Menschen raten, wenn er sich ketogen ernähren will. Braucht er einen Arzt?

MB: Normalerweise ist dazu kein Arzt nötig. Was für jeden wichtig ist, ist dass man seinen Körper kennt, ein gutes Körpergefühl hat und gesund ist. Übergewicht ist keine Krankheit. Erst bei Adipositas und einem BMI ab 30 ist Vorsicht geboten. Ansonsten sollte jeder die ketogene Ernährung ausprobieren, dazu mehrmals im Jahr Fastenperioden einlegen. Ketogene Ernährung und Fasten sind zwei Seiten einer Medaille. Wer sich unseren Genen gemäß ernähren möchte, kommt weder an der ketogenen Ernährung noch am Fasten vorbei, aber auch an Phasen, in denen man nicht ketogen isst.

RS: Sehr interessant, der Wechsel ist anscheinend sehr nützlich!

MB: Genaugenommen geht es um die metabolische Flexibilität. So war es immer, daran sind wir gewöhnt. Wir haben nicht gegen die Ernährung gelebt, wir sind aus ihr hervorgegangen. Ein Trugschluss ist, dass wir Menschen uns so überlegen vorkommen. Wir glauben, wir können alles beherrschen und kontrollieren und alles richtet sich nach uns. Das ist falsch. Gesundheit orientiert sich an unseren Genen. Wenn wir das nicht akzeptieren landen wir im Bereich von Krankheiten.

RS: Ärzte die den Patienten ketogene Ernährung empfehlen, treffen auf nur wenig Verständnis und die Patienten sind oft auf sich allein gestellt.

MB: Das Schubladendenken herrscht vor. Die ketogene Ernährung gilt allgemein als ungesund, unnatürlich und wird nicht von allen Patienten sofort übernommen. Aufklärende Gespräche sind zeitraubend aber letztendlich oft erfolgreich. Wie ein Gespräch mit einem Mann, der mir erklärte, dass in der Urzeit nicht alle Menschen ketogen gelebt haben. Meine Frage, woher sie die Kohlenhydrate bezogen, wenn es kein Getreide gab, beantwortete der Mann: „Na, ja wahrscheinlich aus Beeren“. Ich konnte ihn aufklären: „Heutige Beeren kommen aus der Zucht und haben dennoch nur ca. 4% Kohlenhydrate, natürliche Beeren liegen weit darunter“. Das brachte ihn zum Nachdenken und vielleicht auch zur Erkenntnis. Informationen sind also sehr wichtig. Ein Arzt allein kann diese gar nicht geben.

RS: Leider ist in der Bevölkerung das Wissen um die Evolution sehr gering verankert. Bekannt ist, dass wir vom Affen abstammen. Das ist aber schon alles. Wir sind viel mehr von einer Umwelt, die es heute nicht mehr gibt, geprägt, als wir annehmen. Der Mensch hat die Welt neu gestaltet im Glauben, er könne sich alles erlauben. Die Evolution mahnt zur Vorsicht!

MB: Wir sollten uns tatsächlich mit unserer Vergangenheit auseinandersetzen. Genauso wie mit unserer Kindheit. Das kann schmerzlich sein. Eine Auseinandersetzung mit unserer frühesten Geschichte kann auch wehtun, besonders wenn Illusionen nicht mehr haltbar sind. Das trifft besonders auf unsere Ernährung zu.

RS: Lieber Herr Dr. Markus Bock, danke für das Gespräch! Ich wünsche Ihnen neue Forschungsprojekte und Patienten, die sich von ihren Medikamenten verabschieden können.

 

https://derstandard.at/2000095681940/Neurologe-Weniger-Zucker-reduziert-Entzuendungen

Mehr über Dr. Markus Bock: www.zuckerfasten.de oder www.dr.markusbock.de