Statine sind die Blockbuster unter den Medikamenten. Täglich werden sie weltweit von 20 Millionen Menschen eingenommen. Sie haben die Eigenschaft, das Cholesterin zu senken. Ob dies vor Schlaganfällen, Herzinfarkt oder Arteriosklerose schützt, ist fraglich. Nach der Statistik sind Menschen mit niedrigem Cholesterin genauso oft  von Herzinfarkten betroffen, wie Menschen mit hohem Cholesterin. Dieses Thema wurde auf diesem Blog schon mehrfach behandelt. Geben Sie auf diesem Blog unter der Suchfunktion „Cholesterin“ ein und Sie befinden sich mitten in der heißen Debatte.

Höhere Blutzuckerwerte bei Einnahme von Statinen

Im März 2019 wurde eine Studie holländischer Wissenschaftler veröffentlicht, die die weit verbreiteten Ansichten über den Nutzen von Statinen im Rahmen der Primärprävention (noch keine Herzkrankheit) wieder einmal in Frage stellt. Statine haben neben einem fragwürdigen Nutzen bedenkliche Nebenwirkungen, wie Muskelschmerzen, Entzündungen und erhöhten Blutzucker, der in Diabetes Typ-2 übergehen kann.

„Es gibt verschiedene Mechanismen über die Statine die Insulinresistenz begünstigen“

An den Daten von über 9500 Menschen fand das Team von Prof. Bruno Stricker aus Rotterdam heraus, dass Teilnehmer, die Statine einnahmen tendenziell höhere Blutzuckerwerte aufwiesen. Die Zellen reagierten auch schlechter auf das Hormon Insulin, was als Vorbote von Insulinresistenz und Diabetes gilt. Der Erstautor der Studie, Dr. Gariba Ahmadizar äußert sich gegenüber NetDoktor:

„Es gibt verschiedene Mechanismen über die Statine die Insulinresistenz begünstigen“.

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Es konnte gezeigt werden, dass durch Blutfettsenker weniger Glukosetransporter in den Zellmembranen gebildet wurden. Insulin gilt als Türöffner für die Zuckeraufnahme in den Zellen. Daher verlangsamt sich der Übergang des Zuckers vom Blut in die Zellen. Dazu haben  Statine einen direkten Einfluss auf den Insulin-Signalweg, über den die Insulinausschüttung und Insulinempfindlichkeit der Zellen reguliert wird.

Diabetesrisiko steigt um 38 Prozent!

Teilnehmer, die Statine einnahmen, hatten ein 38 prozentig höheres Risiko an Diabetes Typ-2 zu erkranken, als Teilnehmer, die keine Statine bekamen.

Was ist diese Studie Wert?

Vor uns liegt eine nachträgliche Auswertung von Langzeitdaten der sogenannten „Rotterdam-Studie“, die als Populationsstudie keine kausale Ursache-Wirkung-Beziehung herstellen kann. Auffallend ist trotzdem, dass von 9535 Personen jene, die Statine zum Cholesterinsenken einnahmen, ein um 38 Prozent höheres Risiko hatten, einen Diabetes zu entwickeln. Leider werden randomisierte prospektive Kausalitätsstudien zu den Auswirkungen von Statinen nicht finanziert. Die Pharmaindustrie verbreitet die Ansicht, dass die Nebenwirkungen vernachlässigbar sind, weil die Vorteile bei Weitem überwiegen.

Diese Studie ist ein weiterer Hinweis, bei der Verabreichung von Statinen mehr Zurückhaltung zu üben.

Sehr häufig werden Statine bereits verordnet, wenn neben erhöhten Cholesterinwerten keine weiteren Risikofaktoren für einen Herzinfarkt, wie Bluthochdruck, familiäre Disposition, oder Übergewicht vorliegen.

Um den Statinen zu entkommen, wird den Patienten normalerweise empfohlen sich gesünder zu ernähren und mehr Sport zu betreiben. Nur begreifen die Ratgeber nicht, dass diese für „gesund“ angesehene Ernährung mit einem hohen Anteil an Kohlenhydraten und Verzicht auf Fett das Problem verschlimmert! Und wer schon einmal Gewicht angesetzt hat, tut sich mit dem Sport auch schwer. Es bleibt bei einem Versagen des Patienten, der dann letztlich bei Statinen Zuflucht findet.

Viele Studien haben gezeigt, dass sich die Blutfette bei einer kohlenhydratarmen Ernährung meist verbessern! Dazu sinkt das Gewicht und der Blutdruck fällt. Diese Chance, ohne Medikamente Gesundheitsparameter zu verbessern, sollten die Patienten unbedingt erfahren.

Nach dieser Studie stellt sich für Menschen, die sich dem Gesundheitssystem anvertrauen, eine schwierige Frage: überwiegt  der Nutzen der Statine die Gefahr einer drohenden Diabetes Erkrankung? Sind Cholesterinsenker bei eher gesunden Menschen mit auffälligem Cholesterin notwendig?

Wichtiger als auf die Blutfette fixiert zu sein, wäre, das Insulin und eine mögliche Insulinresistenz in Augenschein zu nehmen. Das ist in unserem Gesundheitssystem leider noch Zukunft. Mehr Studien wie diese werden den Wandel hoffentlich beschleunigen. Schade, dass das Wissen um die Macht der Ernährung so wenig verbreitet ist. Dann könnten die Menschen eine echte Wahl treffen und so manchen Medikamenten mit schädlichen Nebenwirkungen entkommen.

Zur Studie

https://bpspubs.onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/bcp.13898

Original (English): Associations of statin use with glycaemic traits and incident type 2 diabetes

First published: 05 March 2019 https://doi.org/10.1111/bcp.13898

Deutsch: Abstrakt der Studie (Übersetzung Robert Schönauer)

https://bpspubs.onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/bcp.13898

Ziele

Es gibt mehrere epidemiologische Studien zum Zusammenhang zwischen Statine und Diabetes, aber den meisten fehlt es an Details. In dieser Studie untersuchten wir die Verbindung der Statine auf glykämische Auswirkungen und Typ-2-Diabetes.

Methoden

Anhand der Daten der prospektiven bevölkerungsbezogenen Rotterdam-Studie nahmen wir  9535 Personen auf,  die zu Studienbeginn frei von Diabetes und älter als 45 Jahre waren und untersuchten sie zwischen 1997 und 2012. Eine lineare Regressionsanalyse wurde angewendet, um die Querschnittszusammenhänge zwischen Statinkonsum und glykämischen Auswirkungen zu untersuchen, einschließlich Nüchternblutserum, Glukose- und Insulinkonzentration sowie Insulinresistenz. In einer Längsschnittstudie haben wir eine Cox-Regressionsanalyse durchgeführt, um die angepassten Hazard Ratios (HR) für den Typ-2-Diabetes bei neuen Statinbenutzern zu bestimmen.

Ergebnisse

Das Durchschnittsalter bei Studienbeginn betrug 64,3 ± 10,1 Jahre davon waren 41,7% Männer. Im komplett eingestellten Modell (Grundversorgung durch Statine) zeigten sich im Vergleich mit Patienten, die nie zuvor mit Statinen behandelt wurden, höhere Konzentrationen an Serum-Fasteninsulin (β = 0,07; 95% -CI: 0,02–0,13) und Insulinresistenz (β = 0,09; 95% CI: 0,03–0,14). Bei Verwendung von Statinen war das Risiko, dass ein Typ-2-Diabetes auftreten würde, um 38% erhöht (HR = 1,38; 95% CI: 1,09–1,74). Dieses Risiko war bei Patienten mit gestörter Glukosehomöostase und bei übergewichtigen / adipösen Personen ausgeprägter.

Schlussfolgerungen

Personen, die Statine verwenden, haben möglicherweise ein höheres Risiko für Hyperglykämie, Insulinresistenz und möglicherweise auch Typ-2-Diabetes. Rigorose präventive Strategien wie Glukosekontrolle und Gewichtsreduktion bei Patienten bei der Einleitung einer Statintherapie können das Diabetesrisiko minimieren.