Der Artikel beruht auf einem Bericht von Adele Hite über eine viertägige Konferenz der Schweizer Rückersicherungsanstalt Swiss Re, der im Blog von Dietdoctor Andreas Eenfeldt erschienen ist. Mehr über Adele Hite, Ph.D. Siehe auch Blogartikel.

Was passiert, wenn eine Ansammlung prominenter Ernährungswissenschaftler aus der ganzen Welt ihre unterschiedlichen Ansichten zu Ernährung und Gesundheit vergleichen und versuchen einen gemeinsamen Nenner zu finden? Keine Angst, es flogen keine Fäuste. In durchwegs sachlichen Diskussionen durften auch verbale Kämpfe, pointierte Bemerkungen, abwartendes Verhalten und simple Vereinfachungen nicht fehlen. Sicherlich hat die Konferenz des Swiss Re Institute zum Thema „Wissenschaft und Politik der Ernährung“ und „Neudefinition von Diabetes“ jeden Teilnehmer oder ferne Beobachter zum Nachdenken gebracht.

Eine aufregende Vorgeschichte

Als Rückversicherungsunternehmen, das daran interessiert ist, Menschen zu helfen, länger und gesünder zu leben, hat Swiss Re bereits 2016 einen Bericht veröffentlicht, in dem konventionelle Denkansätze zur Ernährungsberatung in Frage gestellt wurden. Dieses viertägige Treffen im Juni in Zürich sollte  die Standpunkte der Experten über die Rolle von Nahrungsmitteln für die langfristige Gesundheit offenlegen und Gemeinsamkeiten suchen. Siehe Blogartikel.  Fiona Godlee, Chefredakteurin des British Medical Journal (BMJ) nannte allein das Zustandekommen der Veranstaltung mit derart vielen hochrangigen Persönlichkeiten ein „Wunder“. Das BMJ ist das älteste und angesehenste Wissenschaftsjournal, das in den letzten Jahren die Auseinandersetzung um einen Paradigmenwechsel in Ernährungsfragen anführt. Am Höhepunkt der Auseinandersetzung verlangten 180 etablierte Wissenschaftler, dass das Journal einen Artikel von Nina Teicholz zurücknimmt. Die Ansichten, die Nina Teichholz in ihrem Buch „The Big FAT SURPRISE, Why Butter, Meat & Cheese Belong in a Healthy Diet“ publiziert, wurden neuerlich von Wissenschaftlern überprüft und bestätigt. Das Journal wies die Proteste ab und zog die Publikation nicht zurück.  Siehe Blogbeitrag.

Das BMJ hat eine Sonderausgabe von Open-Access-Artikeln im Zusammenhang mit dem Treffen herausgegeben, und Godlee äußerte die Hoffnung, dass Gespräche in dieser Frage und auf dem Treffen zu einer gemeinsamen Grundlage führen könnten. Und tatsächlich, in einigen Fragen wurde Übereinstimmung erzielt; es war nicht business as usual, die Ergebnisse standen nicht von vornherein fest.

Abweichende Meinungen über Empfehlungen bei Fett

Die Spannungen über unterschiedliche Ansichten waren sofort auf dem Tisch. Die offensichtlichste war die Trennung zwischen den Befürwortern einer kohlenhydratreichen Ernährung, die gesättigte Fette und Fleisch begrenzt, und jenen, die eine kohlenhydratarme Diät mit tierischem Fett und Fleisch als gesund ansehen. Zwei Nährstoffe wirkten polarisierend: gesättigtes Fett oder Kohlenhydrate, Was ist besser für die Gesundheit?

Einigkeit bestand bei allen Diskutanten nur darin, dass Trans-Fettsäuren schlecht, Omega-3-gut, und die Begrenzung der Gesamt-Fettmenge unnötig ist.

Über die gesundheitlichen Auswirkungen von gesättigten Fettsäuren und die Bedeutung des LDL-Cholesterinspiegels blieben die Wissenschaftler geteilter Meinung. Diese Unsicherheit hat natürlich bedeutende Auswirkungen auf die Umsetzung in der Ernährungsberatung und auf die öffentliche Meinung. Es wurde deutlich, dass keine überzeugende wissenschaftliche Beweislage für die Beschränkung von gesättigtes Fett gibt. Kohlenhydratarme Diäten können nicht mit dem Argument von der Schädlichkeit von gesättigten Fettsäuren abgelehnt werden.

Aussagen sowohl in die eine als auch in die andere Richtung kamen von der Ernährungswissenschaftlerin Jennie Brand-Miller. Sie anerkannte, dass es „keine bekannte Mindestmenge“ für Kohlenhydrate gibt. Sie kam zu dem Schluss, dass die beste Art der Ernährung auf „niedrigglykämischen“ Lebensmitteln basierte – ein Ansatz, der für alle kohlenhydratarmen Diäten gilt. Trotzdem ging sie nicht so weit, diese auch zu empfehlen, denn sie argumentierte, dass kohlenhydratarme Diäten „schwierig“ und „schwer zu folgen“ seien. Aussagen von Tagungsteilnehmern, die ihren Typ-2-Diabetes mit solchen Diäten umkehrten, zeigten, dass sich eklatante Wiedersprüche zu ihren praktischen Ratschlägen auftaten.

Die Mängel der Ernährungswissenschaft

Der Stanford-Wissenschaftler und ständige Mahner der mangelnden Qualität der Forschung, Professor John Ioannidis, ging auf die Unzulänglichkeiten der Ernährungswissenschaft ein und schlussfolgerte, dass viele Befunde „unvereinbar mit Logik“ und die meisten Beweise auf Grund von  Umfragen „hoffnungslos voreingenommen und unzuverlässig“ seien. Seine Folie ist hier zu sehen:

Professor Ioannidis hob die Unzulänglichkeiten und Grenzen von Beobachtungsstudien hervor und äußerte sich auch besorgt über klinische Studien, wobei er die kürzlich zurückgezogene PREDIMED-Studie als Beispiel benutzte.

 Individualisierung der Ernährungspläne

Die Wissenschaftler einigten sich in der Frage, dass dass Ernährungsempfehlungen auf das einzelne Individuum zugeschnitten werden sollten. In seinen Studien am King’s College in London über das Mikrobiom hat Tim Spector gezeigt, dass selbst bei Zwillingen die Reaktionen auf Nahrungsmittel dramatisch variieren können.

Andere Redner befassten sich mit der Frage, wie sich wirtschaftliche Ressourcen, Ernährungstraditionen und kulturelle Präferenzen darauf auswirken könnten, welche Art der Ernährung für eine bestimmte Person funktioniert und welche nicht. Die Betonung individueller Unterschiede lässt darauf schließen, dass eine „Einheitsgröße“, wie sie in nationalen Ernährungsrichtlinien empfohlen wird, nicht für alle geeignet ist, und es sind, wie Kardiologe und Epidemiologe Salim Yusuf  argumentiert, viel höhere Beweisstandards erforderlich, ehe derartige Empfehlungen einer Bevölkerung „auferlegt“ werden.

Paradigmenwechsel bei Typ-2 Diabetes:

Die Auffassung, dass Diabetes Typ-2 vor allem mit Hilfe einer  Ernährungsumstellung  behandelt werden muss, fand allgemeine Zustimmung. Eine Umkehrung von Typ-2-Diabetes ist möglich, und es gibt viele Möglichkeiten, dies zu tun. Alle Wege haben etwas gemeinsam: die Begrenzung von raffinierter Stärke und verarbeitetem Zucker.

Für Menschen, die mit Glukoseintoleranz, Übergewicht oder Insulinresistenz zu kämpfen haben sind die offiziellen Ernährungsempfehlungen ungeeignet.

Dr. Roy Taylor spricht sich für eine Ernährungsumkehr von Typ-2-Diabetes aus. Swiss Re Institute, 14. Juni. Foto: John Schoonbee.

Durch Roy Taylors DIRECT-Studie gelangte der Gedanke an eine „Diabetes-Umkehr“ zur Mainstream-Seriosität, die zuvor nicht gegeben war. Mit einer sehr kalorienarmen Diät zeigte Taylor, dass er den Teufelskreis aus Insulinresistenz und Insulinproduktion, der zu Typ-2-Diabetes führt, „durchbrechen“ kann.

Für Sarah Hallberg und Stephen Phinney von Virta Health waren das bereits alt bekannte Nachrichten. Ihre individualisierte ketogene Diät hat bemerkenswerte Ergebnisse gezeigt, indem sie Menschen von Diabetes-Medikamenten befreit und den HbA1c-Spiegel normalisiert hat.

Megan Ramos vom Intensivdiätetik-Management-Programm zeigte ähnliche Ergebnisse mit einem individualisierten intermittierenden Fasten-Ansatz, der für Menschen mit begrenztem Einkommen, körperlichen Einschränkungen, minimalen Kochfähigkeiten geeignet ist. Intermittierendes Fasten ist nach ihrer Meinung auch für Menschen geeignet, die auf kohlenhydrathaltige Lebensmittel nicht verzichten wollen.

Ein weiterer Punkt der Übereinstimmung: Gewichtsverlust ist nicht notwendig, um dramatische Ergebnisse bei der Diabetesbehandlung zu erreichen. Mit der Verringerung der Kohlenhydrate, kann die Elimination von Medikamenten in wenigen Wochen oder sogar Tagen erfolgen, lange bevor eine signifikante Gewichtsabnahme zu bemerken ist. Hallberg sieht Gewichtsverlust als „Nebenerfolg“ und nicht als vorrangiges Ziel. Immerhin eine hoffnungsvolle Botschaft für diejenigen, die mit der Waage kämpfen, aber trotzdem die schädlichen Komplikationen von Diabetes vermeiden wollen.

Da beide Seiten dazu neigen, die Stärken ihrer Positionen hervorzuheben und eigene Schwächen zu ignorieren, verlief die Auseinandersetzung manchmal enttäuschend. Dabei hat sich aber grundsätzlich die Beweislast verschoben. Die bisherigen Befürworter einer kohlenhydratreichen Ernährung stehen unter Rechtfertigungszwang.

Zusammenfassung

Die Debatte um das richtige Fett blieb ungelöst im Raum stehen und war das größte Hindernis für einen umfassenden Konsens. Anerkannt wurde, dass eine mengenmäßige Beschränkung des Fettkonsums nicht ausgesprochen werden sollte.

Ein Diskussionspunkt war, ob eine Reduktion von Kohlenhydraten von einer Verringerung der pflanzlichen Öle und einer Vermehrung von gesättigtem (vor allem tierisches) Fett begleitet werden sollte.

Die Fraktion, die den Konsum von gesättigtem Fett empfahl, wies darauf hin, dass seriöse wissenschaftliche Studien eine Gesundheitsgefährdung durch tierische Lebensmittel nicht bestätigen konnten.

Angesichts einer mangelhaften wissenschaftlichen Datenlage über die Schädlichkeit von gesättigtem Fett, geraten akademische Forscher, die die persönlichen Erfahrungen von Personen ignorieren, die ihre Gesundheit mit fettreichen Diäten wiedererlangt haben, in die Defensive und sind jetzt diejenigen, die durch ihr anhaltendes Festhalten an erfolglosen Strategien unter Rechtfertigungsdruck stehen.

Dem Swiss Re Institut sollte gedankt werden, dass etwas Wesentliches deutlich gemacht wurde: es ist die Aufgabe der Ernährungswissenschaft in all ihren Formen, Einzelpersonen zu helfen, indem sie Barrieren für die Verbesserung der Gesundheit eher absenkt als erhöht. Die Hoffnung auf Umkehr für Typ-2-Diabetes und die zunehmende Wahlmöglichkeit für Patienten für die Erreichung dieses Ziels muss Vorrang vor der Verteidigung veralteter Dogmen haben, die nicht den Bedürfnissen der Öffentlichkeit dienen.

Prof. John Schoonbee, Global Chief Medical Officer, Swiss Re, moderierte die Paneldiskussion „What evidence can we trust?“ am Swiss Re Institute’s „Food for thought: The science and politics of nutrition“ conference on 14 – 15 June 2018 in Rüschlikon.