Dr. Ulrike Mokre (rechts) im Gespräch mit Robert Schönauer, Foto:Gunnela Schönauer.

Robert: Während wir am See sitzen und uns bei einem low-carb Bier unterhalten, schmort eine Lammstelze im Giller. Du kommst gerade zurück von einer Segelregatta. Durch Zufall haben wir uns vor 2 Wochen näher kennen gelernt. Was ist in dir vorgegangen, als wir dich zum Nachmittagskaffee eingeladen haben?

Ulli: Ich habe mir gedacht, nett, ich muss mir auf alle Fälle meinen eigenen Kuchen mitnehmen. Ich habe erwartet, dass ich vielleicht einen Kohlenhydratkuchen bekomme, und nahm gleich meinen eigenen mit.

R: Du hast uns natürlich nicht vertraut, dass wir die richtige Jause für dich haben.

U: Es ist ziemlich selten, dass man so etwas erlebt, es ist zu 99 Prozent zu erwarten, dass man keinen Low-Carb Kuchen bekommt.

R: Ich hab mir gedacht, wahrscheinlich ist das jemand mit einer Glutenintoleranz, eventuell eine Nussallergie hat, vegan lebt, oder wie ich selbst eine spezielle Kostform einhält. Wenn jemand sagt, “ich nehm´ meinen eigenen Kuchen mit“, sind das spannende Gäste. Immerhin wurden wir neugierig, auf wen wir uns eingelassen hatten. Das Ernährungsthema war bereits auf der  Gesprächsliste.

Für uns war dies das LCHF-Ereignis des Sommers, zu entdecken, dass wir nebeneinander am Campingplatz als Dauercamper wohnen und festzustellen, dass jeder auf seine Weise zur ketogenen Ernährung gefunden hat. Wir haben uns gefunden, wie eine Nadel im Heuhaufen.

U: Alle glauben, sie können ohne Brot nicht leben.

R: Wie bist du auf diese brotlose Lebenskunst gestoßen?

U: Ich habe sehr lange, seit 2008, vegan gelebt, weil es mir mit den Blutwerten schlecht gegangen ist. In einem Fitness Studio hat man mir die Blutgruppendiät empfohlen. Ich habe die Blutgruppe A, und sollte das Fleisch weglassen und mich von Gemüse, Salat und Getreideprodukten ernähren.  Das war vor elf Jahren. Das passte zu den gängigen Meinungen.

Wenn mich heute jemand fragt, wovon lebst du, sage ich „keine Kohlenhydrate, wenig Eiweiß und viel Fett“. Dann schauen mich die Leute an und denken, ich bin nicht ganz dicht.

R: Beim ersten Zusammentreffen habe ich gedacht, ich verstehe nicht recht. Kann es außer mir noch jemanden auf diesem Campingplatz geben, der in Ketose ist? Das habe ich nicht erwartet.

U: Ich kenne nur eine Person südlich von Salzburg, im Lungau, und diese Person lebt seit 10 Jahren ketogen.

R: Wie bist du auf die vegane Ernährung gestoßen, was waren deine Beweggründe?

U: Ich hatte im Jahr 2008 94 Kilo, war bei einer Gesundenuntersuchung, denn ich war nach jedem Essen fix und fertig. Der Arzt hat mir dringend geraten 20 Kilo abzunehmen, ansonsten bräuchte ich Medikamente, aber es ließe sich noch regeln. Zusätzlich bin  ich in ein Fitness Studio gegangen, wo ich auf die Blutgruppen-Ernährung hingewiesen wurde. Mit meiner Blutgruppe A sollte ich mich mit viel Gemüse und Salat ernähren. Damit  hab ich in eineinhalb Jahren 35 Kilo abgenommen. Ich hab mich wohl gefühlt und als meine Zuckerwerte in Ordnung waren und die Leberverfettung verschwunden war, hab ich für meinen Fleischverzicht ethische Gründe entwickelt. Ich konnte nicht tolerieren, wie der Mensch mit Tieren umgeht. Ich brauche das nicht, für mich stirbt kein Tier, dachte ich.  Diese Einstellung ist jetzt auch noch vorhanden.

Heute esse ich Eier,  mittlerweile jetzt auch wieder Butter, aber eigentlich kein Fleisch, höchstens etwas Speck oder hochwertige Wurst.  Ich esse Fisch, denn ich habe immer noch meine Blutgruppendiät im Hinterkopf, die sagt, dass für meine Blutgruppe Lachs und Fische sehr gut sind. Den Eiweißbedarf, den ich benötige, decke ich mit Fisch. Fisch, Eier, Sahne und Butter gehören zu meinen wichtigsten Nahrungsmitteln. Fette nehme ich vor allem aus der Sahne, aus Avocados, aus vielen Ölen, oder brauner Butter zu mir, die ich gerne auf gedünstetes Gemüse gieße.

R: Kann  man sagen, dass du auf Basis einer vegetarischen Ernährung in Ketose kommst?

U: Ich mache regelmäßig das sogenannte „Fettfasten“ auf das ich durch die Facebook Gruppe von Sabine Faas gestoßen bin (https://www.facebook.com/groups/fettfasten/). Da man dabei zu 90 % von Fett lebt, soll man das nur 5 Tage und höchstens einmal im Monat machen. In der Früh beginne ich mit einem Bullet-Proof Kaffee, wodurch man bereits den ganzen Tag über satt ist. Am Abend gibt es meine Lieblingsrezepte, die ich mir bei Sabine Faas (lowcarb-leckereien) zusammenstelle, wie Zoodles mit Avocadocreme und Makadamianüssen oder ein Avocado-Eier-Salat.

R: Wie lange machst du das schon?

U: Seit November 2018. Seit damals nehme ich mehr Fett zu mir. Ich habe im November begonnen, mich mit Alzheimer zu beschäftigen, da meine Mutter immer mehr in diese Richtung gegangen ist.

Ich bin auf das Buch von Mary Newport gestoßen, das beschreibt, „wie ein natürliches Fett die Krankheit aufhält“ (Titel: Alzheimer vorbeugen und behandeln. Die Keton-Kur, von Mary Newport).

Sie meint damit Kokosöl und MTC Öle (mittelkettige Fette). Mary Newport hat gute Erfolge mit ihrem Demenzkranken Mann. Ich bin dann bis auf drei Esslöffel MCT ÖL pro Tag gegangen. Man muss vorsichtig anfangen. Am Anfang kann man das übertreiben. Man sollte die Einnahme langsam steigern. Auch auf die Gefahr hin, dass das Kokosöl ein Intervallfasten unterbrechen würde, nehme ich es trotzdem in der Früh, zu Mittag und Abend ein.

R: Wie sieht ein durchschnittlicher Alltag aus?

U: Ich trinke in der Früh einen Tee, zwischen 10 und 11 Uhr trinke ich meinen Bullet-Proof Kaffee. Damit bin ich lange Zeit satt und vermeide Phasen der Müdigkeit, die ich früher mit kohlenhydratreicher Nahrung nach einer Mahlzeit hatte.

R: Wie verlief die Übergangsphase?

U: Am Anfang war ich müde. Ich wurde durch die vegane Kost zu einem High-Carber, wie es im Buch steht! Wenn ich in der Straßenbahn umgestiegen bin, habe ich schon zwei Kornspitz gekauft! Ich hab mich eigentlich nur von Kohlenhydraten ernährt. Ich wollte nicht so werden wie meine Mutter und bin von einem Tag von High-Carb auf Low-Carb-Ketogen umgestiegen.

R: Also genau genommen von vegan-high-carb auf vegetarisch-ketogen.

U: ich litt wirklich unter Entzugserscheinungen, wie Übelkeit, Kopf- und Bauchschmerzen, und das drei Wochen lang. Es war ein sehr harter Weg, den man eigentlich nicht gehen sollte. Ich hab es aber nicht besser gewusst. Ich habe es überstanden, mit der Motivation, dieses Alzheimer Risiko zu vermeiden.

R: Warum vertraust du der ketogenen Ernährung so?

U: weil ich mich wohl fühle.  Bei der Umstellung wäre ich fast verreckt. Ich hatte Krämpfe, nicht nur in den Waden, nein überall. Wenn ich mich nur umgedreht habe, hatte ich in der Schulter schon einen Krampf. Ich habe versucht, sehr viel zu trinken, hab Magnesium genommen, inzwischen nehme ich auch Kalzium, dazu noch extra „Kalahari Wüstensalz“, das hat mir am meisten geholfen. Das Salz löse ich in warmem Wasser auf, das ist sehr wichtig, damit es rasch und besser  aufgenommen wird. Auch wenn ich im Salzwasser bade habe ich wenige Krämpfe. Meine Masseurin meinte, nehmen sie Meeressalz und schütten sie es in die Badewanne.

R: Auch ich hatte jahrelang Probleme mit Krämpfen. Ich habe erst vor kurzem entdeckt, wie man mit einer heißen salzigen Brühe oder Salzwasser die Krämpfe lösen kann. Es wäre wichtig, dass alle Low-Carb Praktiker dieses Wissen verbreiten.

Wenn du mit deinem heutigen Wissen, jemanden einen Rat geben solltest, was wäre das wichtigste?

U: vor allem mit Low-Carb beginnen. Wenn man sich an Low-Carb gewöhnt hat, dann erst den nächsten Schritt machen. Ich hab es nicht besser gewusst. Mein Mann isst ja Low-Carb. Er isst im Prinzip mit mir mit, für Keto isst er zu wenig Fett. Wenn man die erste Hürde geschafft hat, würde ich langsam das Fett steigern. Auch Sabine Faas empfiehlt das Fettfasten erst nach drei bis 4 Wochen Low-Carb zu versuchen.

R: In meinem Fall war es so, dass mir das Fett geholfen hat, das Verlangen nach Süßigkeiten zu stillen. Ich war verwundert, wieviel Fett ich essen konnte. Um meine Sucht nach Schokolade zu bekämpfen musste ich ordentlich ins Fettnäpfchen greifen. Sensationeller Weise habe ich mit dieser fettreichen Kost abgenommen.

U: Mein Rettungsanker sind „Fettbomben“. Das sind so kleine Schokobonbons mit Erythrit, aber voll von Fett, vor allem Kokosfett. Das hilft mir vor allem den Hunger zu stillen und Eiweiß zu vermeiden.

Ich berechne mein Essen, und gebe alles in einen App ein. Das Ernährungstagebuch https://fddb.mobi/ zeigt mir die Fettquote, die Proteine und auch die Kalorien genau an. Damit kann ich genau sagen, wieviel Fett ich benötige um meinen Tagesbedarf zu decken. Ich will unbedingt vermeiden, zu viel Protein zu essen. 40 Gramm Protein pro Tag sind für mich genug. Ich esse hauptsächlich am Abend, insgesamt eher wenig und komme laut meinem Ernährungstagebuch fddb auf 1100 bis 1400 Kalorien täglich. Nie mehr als das.

R: Was hat die neue vegetarische ketogene Ernährungsvariante, die du seit November, also erst 10 Monate verfolgst, noch alles bewirkt?

U: Ich hab neuerlich 20 Kilo abgenommen! Ich bin durch die vegane Ernährung ab 2008 von 95 kg auf 65 kg gekommen. Nach einer Meniskusoperation um das Jahr 2016 ist mein Gewicht wieder auf 80 kg angestiegen. Jetzt habe ich in einem halben Jahr wieder 20 Kilo abgenommen. So schlank wie jetzt, mit 60 Kilo, war ich noch nie.  Aber ums Abnehmen ist es mir jetzt überhaupt nicht gegangen. Mein Ziel war, das Gehirn zu trainieren. Mir kommt vor, ich kann mich jetzt besser konzentrieren.

R: Wie erklärst du dir, dass es für die meisten Menschen schwierig ist, mit max. 1400 Kalorien über längere Zeit auszukommen?

U: Ich habe nie Heißhunger. Meine Mitarbeiter gehen in die Kantine zum Mittagessen, erst da merke ich, wie spät es ist. Ich aber bleibe im Büro, denn ich hab keinen Hunger. Früher war ich ständig auf der Suche nach Essen. Ich war viel auf Dienstreisen, da habe ich am meisten gegessen. 2016 war ich das ganze Jahr weltweit unterwegs. Ich hab alles in mich hineingestopft, was ich gefunden habe, ich hab nie gewusst wann und ob es wieder etwas gibt.

R: Worauf beruht dein großes Vertrauen auf die fettreiche Ernährung? Keine Angst vor Gicht, keine Angst vor Fettleber, vor schlechten Blutwerten?

U:  Ich weiß, die Fettleber kommt von Zucker. 2008 konnte ich durch meine Umstellung auf vegan die Fettleber loswerden. Durch diese Ernährung habe ich meine Fettleiber geheilt.

R: War gesunde Ernährung immer Teil deines Lebensstils?

U: Nein, es begann eigentlich erst mit der Aufforderung meines Arztes, dem ich heute noch dankbar bin, als er gesagt hat, „entweder sie bewegen sich und nehmen 20 Kilo ab, oder sie nehmen Medikamente“. Dabei war ich in meiner Freizeit immer sportlich unterwegs.  Heute weiß ich, dass das Gewicht nicht wirklich durch Sport beeinflusst werden kann, sondern vor allem durch essen. Es liegt wahrscheinlich zu 80 Prozent an der Ernährung.

Manche erzählen mir, sie gingen drei Mal in der Woche laufen und daher können sie essen was sie wollen. „So Mädel“ habe ich gesagt, „wenn du einmal irgendetwas hast, dass dir z.B. das Knie weh tut, dass du eine Zeitlang nicht mehr rennen kannst, frisst du nämlich weiter und dann ist es vorbei“. So geht es vielen.

R: Wie hat sich deine berufliche Situation entwickelt?

U: Mit 60 ging ich in Pension. Seit 1. August d.J. habe ich wieder eine fixe Anstellung mit einer 40 Stunden Woche bei meiner ehemaligen Firma. Das, nachdem ich bereits in der Pension war und auf Honorarbasis Aufträge abgewickelt habe. Ich fühl mich wohl und die Arbeit macht mir Spaß. Ich achte mehr denn je auf meinen Körper, meine Gesundheit und halte den Energielevel hoch. So hoffe Ich, dass ich noch bis 70 im Beruf bleiben kann.

R: Liebe Ulli, das sind schöne Visionen! Wir wünschen dir, dass sie in Erfüllung gehen. Danke für das interessante Gespräch. Wir hoffen, dass der Funke deiner Begeisterung auch mit deiner Hilfe ein kleines Feuer entfacht, auf das viele Menschen neugierig werden.  Mit einem Programm gegen Alzheimer hast du begonnen und der gesamte Körper hat sich verwandelt. Es ist unglaublich, was du in nur 10 Monaten seit der Umstellung auf Low-Carb-High-Fat erreicht hast. Gratuliere zu deinem Mut und deiner Beharrlichkeit!

Ulli schwärmt für ein Low-Carb Brotrezept, das ganz ohne fertige Backmischung auskommt und hervorragend schmeckt, wie wir uns überzeugen konnten:

Das Keto-Kürbiskernbrot von Bumblebee im Ketoland