Krankenversicherer können eigentlich nur Geld verdienen, wenn ihre Kunden gesund sind. Wenn die Epidemie der nicht-übertragbaren Krankheiten zurückgeht, bleibt auch für sie mehr übrig.

Es ist erstaunlich, von welcher Seite der Kampf gegen ungesunde Ernährungsrichtlinien Unterstützung bekommt. Der zweitgrößte Versicherungskonzern der Welt, bei dem viele Versicherungen ihre Prämien zum Zweck der Rückversicherung anlegen, die Swiss Re, geht in die Offensive und fordert einen Paradigmenwechsel von Politik, Wissenschaft und Industrie.

Die Schweizerische Rückversicherungs-Gesellschaft mit Hauptsitz in Zürich, ist nach der Munich Re das weltweit zweitgrößte Rückversicherungs­unternehmen mit 14 500 Mitarbeitern (2017).

Wie allen Finanzdienstleistern ist es auch der Versicherungswirtschaft ein Anliegen, die Ausgaben zu senken. In diesem Fall geht es um die Kosten für die Behandlung von Krankheiten.

Jetzt hat diese weltweit tätige Aktiengesellschaft entdeckt, wie sie die Ausgaben für Schadensfälle senken könnte. Ganz einfach, durch gesunde Ernährung, sagt ihr Chefarzt, Dr. John Schoonbee., und fügt hinzu, wie diese aussehen müsste.  Die Swiss Re ist vorläufig der erste Privatversicherer, der sich von einer Wende in der Epidemie der Fettleibigkeit Einsparungen erwartet. Mit Sicherheit werden andere Versicherungskonzerne das Einsparungspotential durch gesunde Ernährung entdecken. Auch wenn die Pharma- und Lebensmittelindustrie nicht gerade begeistert sein werden, der Druck auf Politik und Wissenschaft zur Offenlegung von Interessen  nimmt zu. Die Versicherungswirtschaft und die Patienten sitzen im selben Boot. Keine der beiden hat einen Nutzen von chronischen Krankheiten. Den Aktionären seien ihre Dividenden und den Managern ihre Gagen vergönnt, wenn sie mithelfen, dass die Menschen jene Informationen erhalten, die wirklich ihre Gesundheit fördern. Die Schweizer Rückversicherung muss sich auf harte Auseinandersetzungen gefasst machen. Es hat den Anschein, in den Chefetagen habe man die Dramatik der Situation erkannt:

Von 14. bis 15. Juni 2018 findet am Hauptsitz von Swiss Re, in Zürich, eine Tagung von Ernährungswissenschaftern statt, bei der es um die wissenschaftliche Qualität der Ernährungsempfehlungen geht.

Die Ankündigung der Konferenz, die in Zusammenarbeit mit dem British Medical Journal abgehalten wird, hat folgenden Inhalt:

„Ernährung, oft vernachlässigt, ist einer der größten Verursacher der globalen Epidemie von chronischen Lebensstilkrankheiten, einschließlich Fettleibigkeit und Diabetes. Die Grundlagen für die Ernährungsberatung sind jedoch mit schlechter wissenschaftlicher Qualität behaftet und werden demnach von ungelösten Kontroversen begleitet.

Um die Ernährungsberatung zu verbessern, werden das BMJ (British Medical Journal) und das Swiss Re Institute gemeinsam eine Reihe von Artikeln unter dem Motto „Denkanstöße: Wissenschaft und Politik der Ernährung“ veröffentlichen.

Swiss Re ist der Ansicht, dass eine verbesserte Ernährungsberatung zu besseren Gesundheitsergebnissen und einer größeren Widerstandsfähigkeit der Gesellschaft gegenüber Lebensstilkrankheiten führen wird.

Nützen Sie die Gelegenheit, mit Ernährungswissenschaftern und führenden Experten aus den Bereichen Medizin, Forschung und Politik zusammenzuarbeiten. Gemeinsam können wir die Debatte für bessere Wissenschaft und evidenzbasierte Forschung gewinnen“.

 Global Chief Medical Officer at Swiss Re Dr. John Schoonbee

Der oberste Chefarzt bei Swiss Re, John Schoonbee, meint dazu in einer Aussendung:

„Das neueste JAMA-Papier über Adipositas-Trends in den USA sagt, dass 2016 mehr als 4 von 10 erwachsenen Frauen adipös sind. Nicht übergewichtig. Fettleibig. Sie haben einen BMI größer als 30! Von den Amerikanern über 64 Jahren haben mehr als 25% Diabetes. Ein bedeutender Anteil der Todesfälle ist auf diese Stoffwechselerkrankungen zurückzuführen“.

Dazu Dr. Schoonbee wörtlich:

„Ich glaube, unsere fehlerhaften Ernährungsrichtlinien treiben diese Epidemie voran. Fast jedes erhöhte Gewicht hat erhöhtes Insulin als Grundursache. Insulin sagt unserem Körper, Fett zu speichern. Chronisch erhöhtes Insulin ist auch der Auslöser von Prä-Diabetes und Diabetes. Die letzten 4 Jahrzehnte der zunehmenden Fettleibigkeit hängen meiner Ansicht nach mit einem chronisch erhöhten Insulinspiegel in der Gesamtbevölkerung zusammen, der mit dem, was wir essen, in Verbindung steht, und was wir essen, hängt mit den Ernährungsrichtlinien zusammen“.

Drei Dinge machen seiner Meinung nach eine Änderung schwierig:

1) Angst vor Fett,

2) die traditionelle Ernährungspyramide auf einer breiten Basis von Kohlenhydraten,

3) die anhaltende Fixierung auf Kalorien.

Es ist erfreulich, wenn der Chefarzt eines Konzerns der Versicherungsbranche die Verursacher von Übergewicht und Stoffwechselkrankheiten, wie Diabetes, beim Namen nennt: es sind dies die landläufigen Ernährungsratschläge, die auf fettarme und kohlenhydratreiche Lebensmittel hinauslaufen.

Ist  die Versicherungswirtschaft stark genug um die Ernährungsindustrie samt abhängiger Politik in die Knie zu zwingen? Es hat den Anschein, dass die Swiss Re ihre Kampagne langfristig anlegt und führende Wissenschafter und Publikationen einbezieht.

Das Umdenken in den Schaltzentralen der Versicherer hat sicher mit  den steigenden Kosten für medizinische Behandlungen zu tun. Wenn es der Gesundheit der Menschen nützt, ist jede Motivation recht. Am Ende können alle profitieren, Versicherer und Versicherte.

Wir dürfen gespannt sein. Einfach wird es nicht, den Einfluss der Lebensmittel- und Pharmakonzerne auf Wissenschaft und Politik zu verdrängen. Ein wichtiger Schritt steht bevor! Die Debatten erhalten größere Dynamik!

Dazu Blogbeiträge: http://www.lowcarbhighfat.at/fett-das-neue-gesundheitsparadigma-der-credit-suisse/

http://www.lowcarbhighfat.at/credit-suisse-fette-gewinne-auch-ohne-zucker/

Quellen:

Food for thought: The science and politics of nutrition, 14 – 15 Jun 2018. About the event

Let’s not wait until HALF the adults are obese until we do something, www.linkedin.com

Titelbild: http://www.persoenlich.com/marketing/neubau-der-swiss-re-filmisch-begleitet-309053