Die Gesundheit und die Ethik des Essens sind komplex. Diese Erkenntnis hat die Meinung von Julia Stadlmann verändert.

Ihr Bericht:

Mit 14 Jahren sahen wir im Biologieunterricht einen Film über Massentierhaltung. Das löste mein Interesse für Vegetarismus aus.

Gleichzeitig fand ich in einer Jugendzeitschrift einen Artikel zu diesem Thema und schon machte es klick. Ich weiß nicht mehr genau warum, aber Vegetarismus machte Sinn für mich. Ich besprach das Thema mit meiner Mutter und fragte sie, was sie dazu sagt, wenn ich aufhöre, Fleisch zu essen.

Sie war dieser Idee nicht abgeneigt und erinnerte sich, dass sie als Jugendliche auch den Wunsch hatte, auf Fleisch zu verzichten. Sie wurde damals von ihrer eigenen Familie abgespeist, mit dem Argument, dass eine pflanzliche Ernährung unnatürlich sei und krank und schwach machen würde. Ich hatte meine Mutter auf meiner Seite und sie erklärte mir, dass die Entscheidung, kein Fleisch zu essen, ganz bei mir lag.

Ab jetzt gab es zu Hause immer eine Alternative aus Reis, Tofu, Soja-Würste, jede Menge Gemüse, vegane Burger und Kartoffeln. Meiner Mutter war es wichtig, dass ich genug Eiweiß bekam, denn sie wusste, dass Vegetarier Gefahr laufen unter Eiweißmangel zu leiden.

Als nächstes hat mir Peter Singers Buch „Animal Liberation: Die Befreiung der Tiere (Tierrechte – Menschenpflichten)“ die Augen geöffnet.

Ich liebte Tiere und die Vorstellung, dass sie unnötig für uns leiden mussten, war schrecklich. Ich entschloss mich bei der Tierschutzorganisation Vier Pfoten mit zuarbeiten und verbreitete Aufkleber, wie „Fleisch ist Mord“. In meiner Schule war ich bald eine wichtige Aktivistin, die Briefe zu diesem Thema an Schulbehörden und Zeitungen verschickte.

Zu dieser Zeit war ich voll fokussiert auf das Leid der Tiere in Tierfabriken und fand dies durch immer mehr Informationen bestätigt. Ich konnte nicht mehr verstehen, wie jemand Fleisch von Tieren essen kann. Mit der Zeit betrachtete ich tierische Nahrung nicht mehr als Essen, sondern eher wie eine blutige Gefahr für Gesundheit und eine Gefährdung der gesamten Menschheit.

Dazu kam, dass es mir als Vegetarierin auch viel leichter fiel, mich fettarm zu ernähren. Ich war mir sicher, dass dies ein großer gesundheitlicher Vorteil war.

Sobald mich jemand auf meine Ernährung ansprach, nahm ich den Ball auf. In diesen Fragen war ich sehr belesen und habe mir wichtige Diskussionspunkte eingeprägt. Ich konnte meinen Lebensstil bestens verteidigen.

Wie ich begann wieder Fleisch zu essen

Auf meinem Weg als aktive Tierschützerin landete ich beim Studium der Biologie. Am Beginn des Studiums wurde ich mit den Ideen der Evolution konfrontiert. Die Tatsache, dass sich der Mensch in seiner Entstehungsgeschichte als Jäger und Sammler ernährt hatte, war mit meinem Vegetarismus gerade noch vereinbar. Bei näherer Betrachtung musste ich feststellen, dass die Evolution keine schwarz-weiß Lösungen hervorbrachte, sondern für die bestmögliche Anpassung an die Umwelt sorgte. Für meine Einstellung bedeutete das, dass ethische Gesichtspunkte und Argumente zur Lebensmittelproduktion viel komplizierter waren, als ich ursprünglich gedacht hatte.

Ich wechselte von einer fanatischen Vegetarierin zu einer ruhigeren Vertreterin des Vegetarismus, die sich oft über andere fanatische Gesinnungsfreundinnen ärgerte, die mich an mein eigenes militantes Verhalten in der Schulzeit erinnerten.

Ich habe viel Zeit damit verbracht, mit Leuten zu reden, die das Thema Fleisch anders sahen als ich. Als ich lernte, meine Überzeugungen distanzierter und entspannter zu sehen, wurde mir klar, dass Fleischesser auch gute Argumente hatten. Schließlich wagte ich den Sprung und fing wieder an, Fleisch zu essen.

Ich rechnete mit Übelkeit und Durchfall und erwartet andere körperliche Reaktionen da ich an den Umgang mit Fleisch nicht mehr gewöhnt war. Beim Speck war ich besonders vorsichtig und ließ mich langsam darauf ein, doch zur Überraschung, er hat mir sogar geschmeckt und auch nicht geschadet.

Ich war fürs Erste einmal froh, dass ich mich nach Fleischportionen länger satt und wohl fühlte.

Argumente im Wandel

  1. Von der Grausamkeit des Tötens zur Verantwortung für gutes Leben

Es war mein Interesse an der Jagd auf Wildtiere, das mich letztendlich dazu gebracht hat, meine Meinung über das Töten von Tieren zu überdenken. Ich arbeitete auf einem Gutshof, der sich mit biologischer Produktion auseinandersetzte und sich auch der Jagd widmete. Ich begleitete Jäger auf ihren Streifzügen durch die Wälder und beobachtete, wie sie die Tiere zum Abschuss auswählten, sie säuberten, ausnahmen und zubereiteten.

Mein Interesse für die Natur wuchs. Ich spürte eine Leidenschaft zum Jagen und Sammeln in der freien Wildbahn und machte dies zu meinem Hobby. Während meiner Arbeit in der Landwirtschaft saugte ich alles auf, was die Biologie und die Herkunft der Menschen betraf.

Von den Jägern lernte ich, dass das Töten eines Tieres in freier Wildbahn tatsächlich ein Akt des Mitgefühls ist, wenn die Alternative wäre, dass das Tier an einer Krankheit oder am Alter zu Grunde geht oder von einem Raubtier gefressen wird. Ein schneller Tod durch eine Kugel, für ein Tier, das seine Reproduktion abgeschlossen hat, schafft Platz für den Nachwuchs und ist weniger schmerzhaft.

Insgesamt sah ich die Ethik des Fleischessens nicht mehr als schwarz-weiß an.

Der Tod gehört auch zum natürlichen Lebenszyklus. Kein Lebewesen will sterben, aber wir entkommen unserem Schicksal nicht. Meine eigenen Gefühle für Moral und Spiritualität änderten sich somit im Laufe der Zeit, und auch meine Gefühle für den Verzehr von Fleisch sind heute andere als vor 10 Jahren.

Ich hatte nicht realisieret, dass auch für vegetarische Ernährung Milliarden von Tieren ihr Leben lassen.

Ich war überrascht, als ich erfuhr, dass der Dalai Lama Fleisch isst und dass Mahatma Gandhi, den ich für einen vorbildlichen Vegetarier hielt, hin und wieder Fleisch aß. Ich habe eingesehen, dass eine pflanzliche Ernährung Tierquälerei nicht automatisch verhindert. Viele Tiere kommen auch im Prozess der pflanzlichen Lebensmittelproduktion um ihr Leben oder werden geschädigt.

Matthew Evans hat ein Buch über den Verzehr von Fleisch geschrieben, Titel: On Eating Meat, in welchem er schreibt, dass Milliarden von Tieren getötet werden müssen, um Obst und Gemüse für den menschlichen Verzehr anzubauen. Mit der Größe der Plantagen steigt auch der Einsatz von Spritzmittel und Pestiziden.

Dieses Buch von Matthew Evans war genau das Gegenteil von „Animal Liberation“, das mich als Jugendliche begeistert hatte. Mich überzeugte seine unerschütterliche Ehrlichkeit in Verbindung mit der praktischen Erfahrung eines Bauern und machte mir klar, dass es möglich ist Fleisch essen und Tierethik zu verbinden.

Ich bedauere weiterhin, dass die Fleischproduktion in den meisten Fällen unnötiges Tierleid verursacht. Aber ich habe eine Viehzucht kennen erlebt, die respektvoll und mitfühlend mit Tieren umgeht. Ich sehe heute den Prozess, ein Tier aufzuziehen um es zu konsumieren als natürlichen Kreislauf des Lebens an.

  1. Frische unverarbeitete Lebensmittel einschließlich Fleisch sind gesund

Lange dachte ich, dass Fleischessen der Gesundheit schaden würde. Uns Vegetariern wurde gesagt, dass Krebs- und Herzerkrankungen stark mit übermäßigem Fleisch- und Milchkonsum zusammenhängen würden. Tierisches Fett galt als wesentlicher Verursacher von Herzinfarkt und Schlaganfall. Als Vegetarier war es einfach, sich fettarm zu ernähren. Die Angst vor Hormonen und Antibiotika, die den Tieren ins Futter gemischt werden, war genommen und ich fühlte mich schon dadurch gesünder. An die Zusatzstoffe der Lebensmittelindustrie, den vielen Zucker, der den Geschmack bestimmte, dachte ich nicht.

Meine Studien zur Ernährung und meine Selbstversuche führten zu überraschenden Erkenntnissen. Ich stellte fest, dass nicht Fett und Protein die Ursache vieler weit verbreiteter chronischer Gesundheitsprobleme war, sondern vielmehr der massive Konsum von Kohlenhydraten und Zucker.

Erst als ich selbst begann, mehr Protein und Fett und weniger Kohlenhydrate zu essen, bemerkte ich, dass tierisches Protein wesentlich effizienter von unserem Stoffwechsel umgesetzt wird, und man dadurch mit viel geringere Mengen auskommt, als aus pflanzlichen Proteinquellen.

Mit dieser Ernährung ging es mir einfach viel besser! Ich bin um 5 Kilo leichter und habe keine Gewichtsschwankungen mehr.

Ich begann zu verstehen, dass die Qualität des Essens wichtiger ist als die Art des Essens.

Diese Ernährung, die mehr Fett und Eiweiß und weniger Kohlenhydrate enthält, gibt mir ein gleichmäßigeres Energieniveau und weniger Gefühl von Hunger und Müdigkeit.

Ich bin bereit für Fleisch von höherer Qualität mehr Geld und Zeit zu investieren. Für die Gesundheit ist es viel wichtiger auf die Qualität des Essens zu achten und nicht nur auf das, was wir essen.

  1. Regionale Viehzucht das beste Mittel gegen den Hunger in der Welt

Ein Artikel in der Zeitschrift  Nature aus dem Jahr 2014 rechnete aus, dass um 70% mehr Nahrung für die Weltbevölkerung zur Verfügung stünde, wenn wir pflanzliches Protein direkt an Menschen verabreichen als damit Tiere zu füttern.

Warum fütterten wir Kühe mit Getreide, wenn wir damit Brot für hungrige Menschen backen könnten?

Der Hunger in der Welt ist aber ein Problem der Verteilung und nicht ein Problem der mangelnden Produktion. Wirtschaftliche Ungleichheit wirkt sich deutlich auf Nahrungsmittelknappheit aus. Es ist also nicht so, dass die Welt nicht genug Lebensmittel produziert, um alle zu ernähren – es ist so, dass das Essen nicht die bedürftigen Menschen erreicht.

In den Vereinigten Staaten zum Beispiel wird die Hälfte aller Lebensmittel vernichtet, bevor jemand die Chance bekommt, sie zu essen. In Gebieten, wo die Menschen Einfluss auf ihre Nahrungsversorgung haben, also von Lebensmittelimporten unabhängig sind, ist eine Mangelernährung eher unwahrscheinlich.

  1. Mit Vegetarismus den Klimawandel bekämpfen?

Weltweit fallen etwa 13% bis 18% der Treibhausgasemissionen auf die Tierhaltung, während etwa 64% aus Verbrennung von fossilen Brennstoffen stammen. In den Vereinigten Staaten liegt das Verhältnis bei etwa 3% aus der Tierhaltung gegenüber 80% aus fossilen Brennstoffen.

Die Fleischindustrie ist zwar ein Faktor für den Klimawandel, aber definitiv nicht der größte. Selbst wenn wir heute die gesamte industrielle Fleischproduktion einstellen würden, hätte dies nur wenig Einfluss auf das Klima.

Die Menschen sollten beim Fleisch unbedingt auf bessere Qualität achten und mehr Geld dafür ausgeben. Beim Fleisch wählerisch zu sein, könnte die Hersteller bewegen, Fleisch nachhaltiger, artgerecht und schließlich auch klimafreundlicher zu produzieren.

 

Wie ich jetzt esse

Meine derzeitige Ernährung ist eine Mischkost mit weniger Getreideprodukten und kaum Zucker.

Fleisch bevorzuge ich von Hühnern, Schwein und Fisch, aber esse deutlich weniger davon als der Durchschnitt.

Ich habe heute eine andere Auffassung über gesunde Ernährung und glaube, dass ich damit auch ethisch essen und gleichzeitig zum Schutz des Klimas beitragen kann. Trotzdem muss ich eingestehen, dass mich manchmal noch Zweifel befallen, dass ich falsch liegen könnte. Meine Ansichten entsprechen meiner derzeitigen Überzeugung und könnten sich auch wieder ändern.

Diese Lernerfahrung war Teil meiner persönlichen Entwicklung. Ja, mein Weltbild hat sich verändert, die Leidenschaft für etwas einzutreten aber nicht. Ich vermeide aber heute emotionale Debatten, denn manches ist viel komplizierter und  der Teufel steckt im Detail.

Ich wurde toleranter gegenüber Ideen und Glaubenssätzen, die sich von meinen unterscheiden, weil ich genauso gut die Person auf der anderen Seite der Debatte sein könnte. Mein Denken und Fühlen ist geprägt von ganz speziellen Lebenserfahrungen. Wir sind alle geneigt, für unsere Erfahrungen Bestätigung zu suchen. Denn zuerst kommt das Sein, erst dann sind wir auf der Suche nach der entsprechenden moralischen Begründung. Oder wie es Berthold Brecht gesagt hat: „erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“.

In einem anderen Leben mit anderen Erfahrungen hätte ich möglicherweise eine ganz andere Weltsicht entwickelt.

Julia Stadlmann, im Dezember 2019

Kommentar:

Liebe Julia, vielen Dank für deine persönlichen Gedanken. Viel Erfolg auf deinem Weg deine Erfahrungen zu reflektieren. Dein Mut und Offenheit könnte Ansporn sein, so manchen überflüssigen Ballast im Leben abzuwerfen. Alles beginnt mit dem ersten Schritt! Wir würden uns freuen, wenn du wieder einmal weitere Schritte auf diesem Blog schilderst. Bis dahin alles Gute!

Robert Schönauer