„Body Shaming“ ist der neue englische Begriff für das Schamgefühl von Menschen mit Übergewicht. Sind dicke Menschen faul oder ist etwas faul mit den Ernährungsempfehlungen?

Jemanden auf sein Übergewicht oder Fettleibigkeit anzusprechen ist eine heikle Sache. Übergewichtige vermeiden nach Möglichkeit Gespräche, bei denen es um Körpergewicht geht. Sie wissen selbstverständlich, dass sie weniger fit sind, Gefahr laufen chronisch krank zu werden und eine kürzere Lebenserwartung haben. Das lesen sie ohnehin täglich in der Zeitung oder müssen sich vom Arzt regelmäßig darauf ansprechen lassen. Wer mit Übergewicht zu kämpfen hat, erhält wir früher oder später den Rat: „Iss weniger und beweg dich mehr“! Diese Ratschläge sind derart allmächtig, dass eine dickleibige Person den Eindruck erhält, es läge an der Willens- oder Charakterschwäche, dass sie langfristig scheitert. Mit Worten wie „wenn Sie sich nicht wirklich zusammenreißen werden Sie die Folgen zu spüren bekommen“, wollen Ärzte sicherlich motivieren. Aber es bleibt beim Patienten immer das Gefühl hängen, dass nur er selbst etwas gegen das Dicksein tun kann. Mit jedem Scheitern eines Abnehmversuchs werden Verdrängungsmechanismen in Gang gesetzt, die in Selbstentwertung und Minderwertigkeitskomplexen münden. Betroffene und nicht Betroffene sind mit unbewussten Vorannahmen ausgestattet, dass es mit entsprechender Willenskraft durchaus möglich wäre, schlank und fit zu sein.

Wenn Ratschläge von allen Seiten auf uns hereinprasseln, muss doch etwas Wahres daran sein! Wer mehr Kalorien isst als er verbrennt, speichert den Überschuss als Fett! Klingt das nicht logisch? Entweder weniger Kalorien essen oder mehr verbrennen, sagt der Hausverstand, oder nicht? Diese Hypothese geht davon aus, dass es egal ist, welche Kalorien wir essen. Alle Kalorien sind gleich, eine Kalorie ist eine Kalorie, lautet das Paradigma. Hauptsache nur so viel Energie aufnehmen, wie auch verbraucht wird.

Peng. Der Vorwurf sitzt. Stimmt aber nicht.

Nahrung liefert nicht nur Energie, sondern auch Nährstoffe, Enzyme, Vitamine. Entscheidend ist, ob jene Nährstoffe in ausreichender Menge aufgenommen werden, die nicht nur der Energiegewinnung sondern auch dem Aufbau und der Reparatur von Zellen und Organen langfristig nützen. Der Stoffwechsel reagiert sehr sensibel, wenn er Nahrung bekommt, die er nur unzureichend zerlegen und wieder zusammensetzen kann. Mit einer Nahrung, die der menschliche Stoffwechsel auch verarbeiten kann, also für die er eigentlich geschaffen ist, tritt das Problem der Kalorienmenge in den Hintergrund. Der Stoffwechsel arbeitet besser, wenn die Qualität der Nahrung stimmt. Die Annahme, es sei egal, was wir essen, es käme hauptsächlich auf die Menge an, ist schlicht weg falsch.

Wenn jemand zu viel Gewicht hat, liegt die Schuld nicht bei seiner Charakterschwäche, sondern in den meisten Fällen bei den falschen Ratschlägen. Was die meisten Menschen essen, ist leider von schlechter Qualität, weil die Nahrung aus einem hoch verarbeiteten Herstellungsprozess kommt, bei dem Nährstoffe entzogen, umgewandelt oder durch Chemikalien ersetzt wurden. Diese moderne westliche Ernährungsweise macht früher oder später unweigerlich krank. Gewichtszunahme kann ein Anzeichen sein, muss aber nicht. Es kommt vielmehr darauf an, ob Hormone und Enzyme den Stoffwechsel einigermaßen soweit im Griff haben, dass sich Krankheitssymptome noch behandeln lassen und auch wieder vergehen. Bis zu einem gewissen Grad wird eine bewegungsorientierte Lebensführung helfen, das Auftreten von Problemen hinauszuschieben. Nur wenige Menschen haben das Glück mit unserer westlichen Ernährung gesund alt zu werden. Der zunehmende Bedarf an medizinischen Diensten wächst überproportional im Vergleich zum Bevölkerungswachstum.

Wie wäre es, wenn wir Übergewicht und Fettleibigkeit als Krankheit und nicht als Charakterschwäche ansehen würden?

Wenn jemand an Krebs erkrankt oder einen Herzinfarkt erleidet, kommt niemand auf die Idee, er hätte mit einem anderen Verhalten die Krankheit verhindern können. Ein ausgeklügeltes System von medizinischen Behandlungen setzt ein, macht Hoffnung und ist in vielen Fällen, wenn auch nur vorübergehend, hilfreich. Auffällig ist, dass Übergewicht und eine schlechte Stoffwechsellage bei fast allen nicht ansteckenden Krankheiten eine Rolle spielen. Um die Behandlung der Grunderkrankung Übergewicht kümmert sich die klassische Medizin nicht. Ihre Ratschläge sind nicht nachhaltig und verderben auch meist die Lebensfreude und rauben Energie. Was Ärzte unisono sagen, kann doch nicht falsch sein! Da es als erwiesen gilt, dass Patienten ärztliche Ernährungsratschläge nicht einhalten, konzentrieren sich Ärzte auf die Folgen und nicht auf die Ursachen des Übergewichts. Wenn die Umsetzung scheitert, muss der Patient die Verantwortung tragen.

In unser Denken hat sich ein grundlegender Fehler eingeschlichen. Die Ursache von Fettleibigkeit wurde dem Überschuss an Energieaufnahme bei zu wenig Energieverbrauch zugeschrieben. Bis sich die Wissenschaft in den 1970-er Jahren um die Ernährung gekümmert hat, war Übergewicht ein seltenes Phänomen. Schlechte interessensgeleitete Studien wurden von der Lebensmittelindustrie vergoldet. Seit Menschengedenken wusste niemand wie viel Kalorien er/sie aß. Die Landwirtschaft war zudem autark und konnte die lokale Bevölkerung versorgen. Die Selbstversorgung mit Lebensmittel war üblich und was nicht selbst  angebaut wurde, gab es in kleinen Läden oder auf dem Markt. Die Industrialisierung verschlang alle derartigen Abläufe und begünstigte mit ihrer weltweiten Vernetzung die Ausbreitung des Übergewichts. Genau diese Industrie hat die einfache Logik von „Kalorien-rein-Kalorien-raus“ zu ihrem Leitprinzip erhoben und die gesundheitlichen Schäden ihrer Konsumenten in Kauf genommen.

Jahrtausende war Übergewicht kein gesamtgesellschaftliches Problem. Es wurde erst durch den Aufruf zum Kaloriensparen dazu gemacht. Wir brauchen keine Ärzte um zu erkennen, was diese Ratschläge bewirkt haben. Mit Aufforderungen wie „mehr bewegen und noch gesünder essen“, wird man die Seuche Übergewicht nicht in den Griff bekommen. Vor allem weil nicht klar gesagt wird, was genau „gesund essen“ bedeutet.

Zuerst erhielten wir den Rat, Fett zu vermeiden und dafür die Menge Kohlenhydrate zu erhöhen. Das hieß mehr Weißbrot, Teigwaren und stärkehaltige  und weniger sättigende Lebensmittel. Dazu kam der Rat, nicht so viel auf einmal zu essen, sondern die Mahlzeiten über den ganzen Tag zu verteilen. Wir haben gelernt: Zurückhaltung beim Essen ist das Gebot der Stunde, tierische Fette sind schädlich, Kohlenhydrate sind so gesund, dass wir davon auch zwischendurch unseren Hunger stillen können.

Was herauskam war: wir sind öfter hungrig und gestresst und essen insgesamt mehr von schlechter Qualität. War es bis in die 1970-er Jahren normal, dreimal am Tag zu essen, so essen wir heute doppelt so oft! Die Hauptmahlzeiten mit Frühstück, Mittag- und Abendessen sind vorgegeben, dazu kommen vormittags und nachmittags Zwischenmalzeiten und am Abend verbringt so mancher die Zeit vor dem Fernseher mit einem (?) Bier, Snacks oder etwas Süßem. In der Regel sind das fertige, gesüßte Industrieprodukte!

„Fünf Mal am Tag Obst und Gemüse, Frühstücken wie ein Kaiser, Mittagessen wie ein König, Abendessen wie ein Bettler, und alles fettarm“. Aufforderungen wie diese prägen das Essverhalten ganzer Generationen! Wehe dem, wer nicht regelmäßig isst! Das Essen über den ganzen Tag verteilen, heißt es. Niemand hat uns aufgeklärt, was dabei in uns landet! Welche Nährstoffe nehmen wir ein? Machen sie auch satt? Welche erhöhen den Blutzucker? In etwa zwei Liter täglich sollen wir trinken! Schaffen wir das, wenn wir auf Süssgetränke verzichten?

Unregelmäßige Essenzeiten mit Fastenperioden waren normal und hielten den Stoffwechsel flexibel und gesund. Das alles auf Basis eines einfachen auf natürlichen Produkten beruhenden Nahrungsangebots.

Mit der Berufstätigkeit der Frauen und Mütter schossen neue Nahrungsanbieter aus dem Boden. Wirtschaftswachstum war gefragt, wer nicht rückständig sein wollte, machte mit. Die Kunst zu kochen war, wenn überhaupt, nur etwas für Großmütter. Die Menschen bemerkten gar nicht, dass sie sich mit schlechter Nahrung abspeisen ließen und dadurch von Jahr zu Jahr immer ein wenig dicker wurden.

Die Reaktion darauf war der Ruf, noch mehr Kalorien zu sparen, weniger pro Mahlzeit aber dafür öfter zu essen, mit dem Erfolg, dass viele Menschen den ganzen Tag dem Essen hinterher jagen.

Wenn man hochoffizielle Erklärungen in globale Zusammenhänge setzt, müsste man zum Schluss kommen, dass die herrschende Übergewichts-Epidemie von einem gleichzeitigen Verlust an Willenskraft und Charakterstärke verursacht würde. Mehr als 60 Prozent unserer erwachsenen Bevölkerung ist übergewichtig, ca. 20 Prozent fettleibig (adipös). Sind diese Menschen alle selber schuld?

Wir können uns nicht von einer Gesellschaft abkoppeln, die Wachstum und Effizienzsteigerung zum obersten Ziel erklärt hat. Dieser Weg hinterlässt aber gesundheitliche Folgen. Nicht alle können mit medizinischen Maßnahmen repariert werden. Bei der häufigsten Grunderkrankung der Menschen in der westlichen Welt, dem Übergewicht,  werden wir aber von der Medizin völlig im Stich gelassen und suchen die Schuld bei uns selbst. Dabei sind heute die biologischen, vor allem hormonellen Grundlagen der Gewichtssteuerung weitgehend erforscht und verbreiten sich rasant am offiziellen Gesundheitssystem vorbei über soziale Medien. Bei der Umsetzung aktueller Erkenntnisse können die Menschen selten mit der Unterstützung von Ärzten rechnen.

Mit einer Sichtweise, die das Kalorienproblem hinter sich lässt, ist der Behandlung von Übergewicht wesentlich besser gedient. Eine hohe Insulinausschüttung  verhindert das Verbrennen von Körperfett. Ziel muss eine Ernährung sein, die den Blutzuckeranstieg so niedrig hält, dass der Körper mit wenig Insulin zurechtkommt. Dies verhindert oder lindert Insulinresistenz und verbessert das hormonelle Gleichgewicht. Kalorienfixierung hat keine Auswirkungen auf den Stoffwechsel, solange er auf Glukoseverbrennung eingestellt ist. Erfolge sind damit nur kurzfristig möglich.

Wie Dr. Jason Fung immer wieder aufzeigt, ist es auch falsch, den Blutzucker (Glukose) durch Steigerung der Insulinausschüttung zu senken. Mehr Insulin kann zwar die Glukose im Blut senken, trägt aber gleichzeitig zur vermehrten Fettspeicherung bei. Auch verstärkt sich dadurch die vorhandene Insulinresistenz. Siehe Blogartikel.

Übergewicht wird durch hormonelles Ungleichgewicht verursacht und nicht durch Willensschwäche. Demnach liegt es hauptsächlich an der Art der Ernährung und nicht so sehr an der Menge, ob wir das Gewicht stabil halten, zunehmen oder abnehmen.